Seltsame Fragen

„Die aus der Empirie losgelösten Gefühle bilden die Substanz, durch deren ‚Sakralisierung‘ […] sich die ‚absolute‘ Musik zur Ahnung des ‚Absoluten‘ erhebt und dem Verdacht entgeht, ‚leere Form‘ zu sein.“

„Das Paradox, daß Zurücknahme Erhöhung bedeute, ist die Dialektik auf dem Grunde der poésie absolue wie der absoluten Musik.“

Carl Dahlhaus: Die Idee der absoluten Musik, dtv Wissenschaftliche Reihe, München 1978, S. 139 und 152

Sind es die aus der Empirie losgelösten Gefühle, die sowohl eine auf das Absolute hin fortschreitende Spiritualität als auch eine niedergehende Psyche ausmachen1? Bedarf es einer Sakralisierung dieser Substanz der losgelösten Gefühle, um das „Absolute“ hinter der Spiritualität zu erahnen? Bedarf es vielleicht einer Sakralisierung dieser Substanz der losgelösten Gefühle, um bspw. eine Depression gerade der Absolutheit zu entheben? Spricht im Hinblick auf das Spirituelle – anders als Dahlhaus in dem Zitat – zum Beispiel nicht gerade der Zen-Buddhismus davon, dass Leere Form und Form Leere sei2, um damit bereits vom Absoluten zu sprechen, statt die Substanz der „leeren Form“ zu „verdächtigen“? Spricht im Hinblick auf die Psyche eine als absolut erlebte Leere in einer Depression nicht von der Form eines indifferenten Schmerzes?

Das Paradox, dass Zurücknahme Erhöhung bedeute, findet sich auch in der Spiritualität (bzw. in einigen Religionen). Kann dies auch im Niedergang einer Psyche gelten? Was bedeutet es, dies als Dialektik aufzufassen? Führt es hin zum Absoluten (Spiritualität) und weg vom Absoluten (Depression)?

Seltsame Fragen.

Man sollte sie besser vergessen.

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1vgl. zur pathologischen (?) Verbindung beider: Ronald Mundhenk: Sein wie Gott, Aspekte des Religiösen im schizophrenen Erleben und Denken, Paranus, 2002

2Leere als Nicht-Selbst und Nicht-Beständigkeit, sowie als das Sein alles Seienden vor der Zuweisung von Bedeutungen.

***

Die „6 Klavierminiaturen op. 1“ war die erste meiner Kompositionen, die ich für gültig befand. Sie wurden am 23.3.1988 durch Klaus-Peter Schneegass uraufgeführt (weitere Aufführungen in Bremen und Stuttgart).

28 Gedanken zu „Seltsame Fragen

  1. Hallo Stefan.
    Ein Text auf dem ich länger herumgekaut habe.
    Ich denke bei gesunden Menschen kann die völlige Zurücknahme zur Erhöhung führen. Man macht sich frei von allem, der Geist kann sich entfalten und man erlebt das Wahre in sich selbst.
    In der Depression ist die innere Leere allgegenwärtig. Sie führt eher tiefer hinein ins schwarze Loch, als dass man sich von dieser Erkrankung erholen/erheben kann.

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  2. Aus der Empirie losgelöste Gefühle sind bereits absolut, denn sie sind losgelöst (absolvo=loslösen). Es bedarf keiner Sakralisierung, worin sollte diese auch bestehen?
    Was sind von der Empirie losgelöste Gefühle? Der Verdacht, dass von der Erfahrung getrennte Affekte Leerformen sind, liegt Nahe: was sind Gefühle ohne das Moment des Erfahrens?
    Ein Vergleich: Wir sind von Kreisen umgeben, betrachte Gläser, Tassen, Töpfe, überall erscheinen Kreise. Der von der Erfahrung gelöste Kreis ist der nichtempirische Kreis der Mathematik: alle Punkte, die von einem Mittelpunkt gleich weit entfernt sind. Ein solcher Kreis ist keiner Empirie verfügbar, er ist in diesem Sinne absolut und doch keine leere Form.
    Bilden von der Empirie losgelöste Gefühle auf diese Weise die Substanz der absoluten Musik, so ist auch diese nicht leer, sondern lässt sich vielleicht als Geometrie der absoluten Affekte begreifen.
    Die Zurücknahme aus der Fülle der Empirie in die von Erfahrung gelöste Absolutheit kann dann verstanden werden: nicht als Entleerung, sondern als Erhöhung ins Ideale.
    Eine Anwendung auf Depression und Schizophrenie ist meines Erachtens ein Kategorienfehler, ist doch Depression kein Affekt, sondern eine Affektstörung und Schizophrenie eine Denkstörung, die mit Affekten gar nichts zu tun hat.
    LG Michael

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    1. Musste erstmal schmunzeln: Nachdem der Beitrag fertig und öffentlich war, dachte ich: Hätte ich doch am Schluss noch „Kategorienfehler“ druntergeschrieben.
      Mehr morgen, bin unterwegs. Sehe da etwas anders.
      Vielen Dank für deine Gedanken!
      Liebe Grüße an dich!

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    2. Hallo Michael,

      nochmal vielen Dank für deine reichhaltigen Gedanken!

      Zur absoluten Musik: Dahlhaus hat in seinem Buch eine umfangreiche Untersuchung der Aspekte vorgenommen. Natürlich ist es unfair von mir, zwei Aussagen so aus dem Kontext zu reißen. Der zweite Satz ist in diesem Fall der Schluss eines kurzen Zurückkommens auf Hegel (Theorie der Instrumentalmusik). Deine Idee der „Geometrie der absoluten Affekte“ ist klasse (wobei auch die Verabschiedung von den Affekte im weiteren eine Rolle spielt). Das ist ein Aspekt, den Dahlhaus auch untersuchte. Die Philosophie (Perspektiven Schopenhauers, Nietzsches, Schleiermacher,…) bzw. ihr Einfluss spielt in dem Buch eine große Rolle, ebenso die Poetik, das Religiöse, usw. In diesem Kontext meint der erste Satz von Dahlhaus ein anderes Absolutes, das auch die Philosophie mal kannte (das meinte ich damit, dass ich da etwas anders sehe).

      Damit zum Absoluten: Die mystischen Traditionen (im Buddhismus, Sufismus, in der christlichen Mysitk, usw.) kennen bspw. die Entleerung als Weg zur „Erkenntnis“ des Absoluten, kennen die Loslösung von Gefühlen aus der Empirie, usw. Im Niedergang der Psyche gibt es eine andere Art von Entleerung, wie Nati schon so richtig anmerkte, die Loslösung der Gefühle von der Empirie ist hier eher eine Verselbständigung der Gefühle, und das Absolute ist hier ebenso etwas anderes. Ursprünglich hatte ich den Gedanken, den Beitrag mit „Verknüpfungen“ zu überschreiben. Und das rechtfertigt, Dahlhaus‘ Sätze aus dem Kontext zu reißen. Es geht mir letztlich bei dem Beitrag nicht so sehr um die Details und Logik, obwohl das für mich als Musiker sehr interessant ist, was du anmerkst (Danke!), sondern um eine (zugegeben versteckte) Momentaufnahme einer nach Sinn und Hilfe rufenden Zustandsbeschreibung, in dem Zufälle (Blättern in Dahlhaus Buch, das ich vor 40 Jahren las), Suche nach den richtigen Fragen („Seltsame Fragen“), Suche nach Antworten („Man sollte sie besser vergessen“), Persönlichkeitsaspekte, usw., verknüpft werden (auch unzulässig – „Kategorienfehler“, ich hätte das Wort ergänzen sollen). Der Kompass, der stets den Weg zeigte, ist von jemandem zertreten worden, der Ausgang aus dem Dunkel nicht zu finden; man klammert sich an Verknüpfungen wie an Wurzeln, die aus der Felswand über dem Abgrund ragen.

      Zugegeben, ich hätte es besser machen können. Mein Fehler. Aber so offen wie in diesem Kommentar wollte ich ursprünglich gar nicht werden.

      Ganz liebe Grüße an dich!

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      1. Nachtrag: Die Nr. 2 aus op. 1 ist nicht willkürlich angehängt. Zum einen natürlich auch wegen der „angethemten“ aboluten Musik, zum anderen weil sie „losgelöst von der Empirie“ etwas aussagt.

        Die Nr. 2 war ursprünglich damals mit „Epitaph“ überschrieben. Das ist die Geschichte mit meinem Kompositionsprof in den Kommentaren zu https://lyrischespuren.wordpress.com/2021/03/12/zeugen-der-steinigung/ : Er forderte mich auf, das zu erklären, und ich antwortete, dass ich das dem Hörer überlassen möchte. Das fand er „doof“, aber ich blieb dabei.

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      2. Epitaph, fast schon ein Nachruf…
        Ich verfüge über keinerlei musikalische Terminologie, ich kann deshalb nur eine vage Beschreibung dessen versuchen, was ich höre.
        Das Stück beginnt mit tiefen Akkorden, wie das Leben im Mutterleib mit dem Herzschlag.
        Dann, ein hoher Akkord, wie ein heller Aufklang, die Geburt ins Licht.
        Dann das Leben, steter Wechsel zwischen Herzschlag und Licht.
        Zuletzt, immer leiser werdend, das Hinscheiden, kein Herzschlag mehr, nur noch Licht…
        Kannst Du damit etwas anfangen?
        LG Michael

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      3. Damit kann ich absolut etwas anfangen, das ist eine ganz wunderbare Interpretation des Stückes!
        Auch wenn dies nicht die Intention beim Komponieren war, hat sie gänzlich Gültigkeit. Das meinte ich damit, dass ich es dem Hörer überlasse. Es ist dein Hören, warum sollte es dir jemand nehmen? (So entstehen m.E. auch gute Interpretationen von Instrumentalisten und Dirigenten. Sie erzählen die Geschichten, die sie selbst in der Musik erblicken.)
        Vielen Dank und liebe Grüße!

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      4. Ich würde nicht vorschnell behaupten, dass Du es hättest besser machen können; immerhin hast Du mit Deinem Text allerhand Gedanken ausgelöst. Mir fällt dazu ein Bild ein: In einer übersättigten Salzlösung braucht es einen Kristallisationkeim, damit ein Kristall anschiesst. Dieser Keim ist eine Unvollkommenheit, eine Verunreinigung: in der vollkommenen Homogenität würde gar nichts geschehen.
        Danke für Deine Darlegung, jetzt habe ich Deine Intention verstanden!
        Es bleibt interessant, wie Zitate ohne Kontext zu verschiedenen Denkwegen führen, und doch Gemeinsames aufweisen („Kategorienfehler“)…
        LG Michael

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      5. Meine nächste Frage wäre gewesen, was dich dazu bewegt hat diese beiden Leere Zustände miteinander zu vergleichen oder anzunehmen dass sie vergleichbar wären.
        Dank deines Kommentars konnte ich dahinter blicken.

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    1. Ich weiß, habe ich aus deinem Kommentar herausgelesen.
      Manche Lebenssituationen sind alles andere als einfach.
      Man kann nur versuchen damit zurecht zu kommen und versuchen daraus etwas zu lernen. Manchmal zeigen solche Begebenheiten neue Wege auf.
      Ich wünsche dir dass es dir gelingt, dass es Tag für Tag besser wird.
      Du die Sonne mehr und mehr wieder wahrnimmst und spürst.

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      1. Vielen Dank, liebe Nati, das ist sehr lieb von dir ❤️
        Nur, lernen lässt sich aus reaktiven Depressionen bzw. Folgedepressionen nichts, und es kann dauern. Es ist das sechste Mal in meinem Leben. Das längste waren fünf Jahre. Die neurologische Autobahn wird da leicht zur Sackgasse und neue Wege immer schwieriger…

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      2. Ich habe kurz nachgelesen was eine reaktive Depression ist.
        Ich hoffe du hast professionelle Hilfe an deiner Seite. Sechs Mal ist sehr heftig.
        Man kann nur erahnen wie es ist, für dich.
        Zumindest trittst du nach Außen, hier in der Blogwelt, das ist ein gutes Zeichen.
        Ich wünsche dir viel Kraft Stefan.

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      3. Ja, ich bin in Behandlung.
        Das Bloggen, Musik machen, …ist dann doch etwas, was ich mal gelernt habe in einer Depression: irgendwie aktiv werden. Aber der Blog ist auch Verarbeitung, und Kontakt (!) in dieser Coronazeit.
        Vielen lieben Dank, liebe Nati!

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      4. Tu es! Ich sage Dir das nicht aus dem hohlen Bauch, ich war selbst in dieser Klinik und habe auch einen Vergleich, denn es war meine zweite Reha. Die Zeit dort war das Beste, was ich an Therapie je erlebt habe. LG Michael

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