Ebenen

„In den jüngeren Tagen der Welt, als Magie und Religion das Regiment führten, hatte man glauben können, dass Ungeheuer ein Gewissen hatten. Jetzt nicht mehr.“

Julian Barnes, Der Lärm der Zeit, btb Verlag, S. 219

Glücklich, wer die Dämmerung als Dunkelheit wähnt.

Wer in Dunkelheit begeben wurde, sieht kein Licht, glaubt kein Licht, hofft kein Licht. Alles, was bleibt, ist, sich zu erinnern, und nicht zu vergessen, dass es Licht gibt. Dass es irgendwo Licht gibt. Aber es ist kein Licht in der Dunkelheit.

Glücklich, wen die Dämmerung blendet.

***

43 Gedanken zu „Ebenen

      1. Da gebe ich dir Recht Stefan.
        Musik berührt ungemein.
        Und man kann nicht alles in jeder Situation hören.
        Oft sind mir die Texte bei Liedern egal, wenn die Melodie etwas anderes erzählt.

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      2. Ja, ein guter Vergleich.
        Musik zeigt dir welche Emotionen im Moment in dir Schlummern.
        Sie bringt dich zum Weinen oder Lachen.
        Sie zieht dich runter oder entlockt dir gute Laune.
        So ergeht es mir zumindest.

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  1. „Eine vorübergehende Skizze“ hat in mir drei Assoziationen ausgelöst: Eine Skizze, die kommt, vorübergeht und entschwindet(1); eine Skizze, die ausgeführt werden will(2); eine Skizze, die ensteht und wieder vergeht(3). Die Musik bildet das alles ab. Es ist als ob Musiker an einem vorübergehen(1); die Musik drängt geradezu nach weiterer Ausführung(2) und die Motive tauchen auf und vergehen(3). Erinnerst Du Dich an „Tag am Meer“ von den Fanta4? „Die Musik ist aus…
    … und ist immer noch da“

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    1. „Tag am Meer“ kannte ich nicht, habe es gleich angehört. Ja…
      Stimmt, es gibt tatsächlich weitete Assoziationen. (1) war auch eine meiner, (2) in dem Sinne, ja, dass ich mal was aus ihr mache. Dann auch, dass ihr Inhalt vorübergehen möge.
      Danke dir, Michael!

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  2. Beim Lesen des Textes kam mir sofort Platons Höhlengleichnis in den Sinn, mit der immer wieder neuen Bewertung von Dunkel, Dämmern und Licht, je nach Situation des Erlebenden.
    Glücklich, wer die Dämmerung als Dunkelheit wähnt, denn er kann sie mit dem helleren Licht vergleichen, das er also kennt.
    Glücklich, wen die Dämmerung blendet, denn er hat sich aus dem Dunkel dem Licht zugewandt.
    Dazu kam mir das Johannes-Evangelium in den Sinn: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Im Dunkeln das Licht nicht erfassen können, außer vielleicht als Erinnerung…
    Das Zitat von Julian Barnes hat es in sich. Das löst in mir verschiedene Fragen aus. Haben Ungeheuer kein Gewissen? Dann wären Ungeheuer leicht identifizierbar und nicht humanisierbar, das würde bedeuten: für immer wegsperren zum Schutze der Gesellschaft. Umgekehrt: Sind Menschen, die kein Gewissen haben, Ungeheuer? Menschen, die nicht in der Lage sind, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wären dann per definitionem böse.
    Ein kurzer Text und so viel Gehalt!

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    1. Falls, dann unbewusst. Es ist lange her, dass ich das Höhlengleichnis gelesen habe.
      Ja, der Vergleich mit dem helleren Licht…Das kann und darf man so lesen. Im Sinne hatte ich es so: Wer die Dämmerung für die Dunkelheit hält, kennt wirkliche Dunkelheit nicht, und kann sich deshalb glücklich schätzen.
      Ähnlich die Blendung: Die Dämmerung ist in der Dunkelheit bereits ein überhelles Licht, also ein Grund für Glücklichsein. Das sich-dem-Licht-zuwenden ist aktiv; es ist schön, dass du es so anders liest!
      Das Johannes-Evangelium ist in letzter Zeit allabendlich ein Versuch, aber da leuchtet nichts mehr. Auch das hat das Gewissenlose vollbracht, wie mir erklärt wurde….Das Gewissenlose ist nicht immer leicht identifizierbar. Es kann sich brillant verstecken und lange unentdeckt bleiben. Zu deinen letzten Gedanken stehe ich ambivalent. Einerseits neige ich dazu, zu differenzieren. Andererseits bin ich soweit, der Schlussfolgerung ohne weiteres zuzustimmen. Viele können zwischen Gut und Böse unterscheiden, und entscheiden sich für das Böse. Auch das ist gewissenlos. Aber dann sind wir auch wieder bei deiner hypothetischen Schlussfolgerung…
      Ich danke dir, Michael!

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  3. Das eine geht nicht ohne das andere. Egal, was wir uns erträumen oder was wir verweigern. Das eine geht nicht ohne das andere. Sogar die, von denen wir meinen, sie seien nur in der Dunkelheit, wissen um das Licht. Ob es uns passt oder nicht … der / die andere ist. Weise. Sogar der dümmste Tropf. Schöne Musik. Wortlos gesprochen ist noch immer das Wahrhaftigste, glaube ich halt.

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      1. Ich glaube, dass wir alle immer sowohl im Licht als auch im Dunkeln sind, und dass beide Qualitäten immer auch das jeweils andere in sich tragen, also alles im Grunde gleich sind, so eben auch das, was wir scheinbar als Wissende wahrnehmen und was wir scheinbar eben als Unwissende wahrnehmen. Aber das ist natürlich nur mystischer Unsinn, wenn ich davon schreibe, dass wir alle in der Harmonie sind, selbst wenn wir glauben, Chaos wahrzunehmen. Und dass es gar keinen „dümmsten Tropf“ gibt, denn das ist nur der eigene Schatten (glaube ich ;), aber wissen tu ich nix. Und eigentlich bin ich da bei Wittgenstein, wenn er schreibt: Worüber man nicht sprechen kann, soll man schweigen. Aber dann lese ich halt doch so interessante Dialoge und manchmal möchte ich dann halt doch auch was sagen, obwohl ich weiß, dass ich eigentlich gar nichts dazu sagen KANN. Daher bin ich dankbar für Musik, Tanz, Bilder, usw., weil sich eben das Unausprechliche. Außersprachliche doch zeigt, in allem sich zeigt …

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      2. Das ist das Paradoxon der Dualität in der Nondualität. Der Umgang damit hängt mit der je eigenen Philosophie zusammen. Manche betrachten die Dualität als Illusion. Ich selbst, holarchisch wahrnehmend/denkend, als eine Wirklichkeit in einer höheren Wirklichkeit, also durchaus real, aber nicht die letzte Wirklichkeit, sondern eine (evolutionär bedingte) Wahrnehmungsform, eine „Stufe“, ein Holon. Die zeitlich gebundenen Künste (du nennst Musik, Tanz) nähern sich ein wenig der Nondualität, die ja unaussprechlich, ja numinos ist, weil sie letztlich in die Zeit gefächerte Unbe-greifbar-keit sind. Ist der Klang (der Musik) und die Bewegung (des Tanzes) vorbei, bleibt nichts, nichts was sich anfassen ließe (wie ein Bild, eine Skulptur). Das Unaussprechliche, das Unbegreifliche.

        Ich danke dir!

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  4. Das ist interessant! Ich vermute, wir haben ein unterschiedliches Verständnis von „gewissenlos“.
    Für mich bedeutet: „gewissenlos sein“ = „kein Gewissen haben“ = „Gut und Böse nicht unterscheiden können“ = „hinsichtlich der Moral indifferent sein“ = „Moral nicht wahrnehmen können“
    Insgesamt: eine Unfähigkeit.
    Für Dich bedeutet: „gewissenlos sein“ = „das Böse wählen wider besseren Wissens“ = „die Wahl des Bösen als Gut kaschieren“ = „andere in den Abgrund ziehen“
    Insgesamt: das Diabolische.
    Was meinst Du dazu?

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  5. Ja, das trifft es. Aber etwas Entscheidendes kommt für mich dazu, was mit deiner Sicht zusammenhängt. Moral sind (im praktischen Leben, einfach gesagt) Regelwerke, emotionale, soziale, … Regelwerke. Die kann jeder wahrnehmen, dessen Gehirn einigermaßen funktioniert. Deswegen und insoweit sind bspw. Narzissten Täter, tragen also Schuld, sind schuldfähig. Es betrifft mehr die Ethik, die mit Einfühlen zu tun hat, das Nachdenken über Moral und ihrer Gründe. Hier kann es eine Unfähigkeit geben, damit bedingt eine Schuldunfähigkeit. Das ist, denke ich, auch eine Form der Gewissenlosigkeit. Das fehlende Einfühlenkönnen wird jedoch dann wieder schuldhaft, wenn es sich selbst erkennbar sein könnte oder müsste (daher „bedingt“). Das Erhalten solcher Blockade aus niederen Motiven (und dazu kann bei fehlender Abwägung des Schadens für andere auch Selbstschutz gehören) ist dann auch wieder diabolisch, böse. Selbst dann, wenn es zunächst unbewusst erfolgt, da die Moral und der Verstoß gegen sie zu einer kognitiven Dissonanz und damit irgendwann zur Ethik führen muss. Ich bin kein Philosoph wie du, aber in diesem Punkt radikal: Teuflisch ist nicht nur die bewusste Wahl des Bösen, sondern auch die (dauerhafte) Meidung von Selbsterkenntnis, wenn dies zum Schaden anderer führt.

    Ich hoffe meine Müdigkeit hat mich jetzt nicht totalen Blödsinn schreiben lassen…

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  6. Du bist ein Philosoph, ein Freund der Weisheit. 🙂
    Du triffst eine einleuchtende Unterscheidung: Moral ist das allgemein übliche Regelwerk, Ethik fragt, ob es auch gerechtfertigt ist.
    Moral lernt man im Laufe der Erziehung, Ethik ist die Stimme des Gewissens, die (fast) jeder hat. Es gibt Formen des Autismus, die für ein Fehlen diese Gewissens verantwortlich sind.
    Autismus kann auch Empathie verhindern.
    Wie auch immer, es kommt darauf an, was man daraus macht.
    Ich vertrete folgende Position:
    Die einzige Grundlage der Ethik ist, dass man sich für sie entscheidet.
    Ethisch handeln heißt, Grundsätzen zu folgen.
    Der universelle Grundsatz ist der kategorische Imperativ von Immanuel Kant.
    Schuld ist der frei gewählte Verstoss gegen diese kategorische Selbstverpflichtung.
    Diese Position ist umstritten, es gibt andere, was ist Deine?

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    1. Das ist ein schwieriges Thema, und ich bin ja Laie. Vor vielen Jahren habe ich mal nach einer Letztbegründung der Ethik gesucht, und bin natürlich nicht fündig geworden. Warum sollte man sich für die Ethik entscheiden? Evidenz fraglich, Empirie naheliegend. Das legt auch die Religionsgeschichte nahe. Die „Goldene Regel“ taucht in der Historie ja immer wieder und in allen (?) Religionen auf und ist unmittelbar einleuchtend. Und da bin ich bei dir: Die Grundlage der Ethik ist die Entscheidung für sie. Verknüpfend: Das ist unmittelbar einleuchtend, korreliert mit der Erfahrung, ist praktikabel. Schuld ist komplex. Ich bin da nicht nur originär christlich geprägt, sondern auch etwas juristisch (hier gibt es Schuldunfähigkeit), weiß eine Kleinigkeit aus der Psychologie (auch hier gibt es Schuldunfähigkeit), usw. Will sagen: Ein Verstoß gegen die kategorische Selbstverpflichtung ist nicht immer frei; meine Radikalität, die ich dazu erwähnte, führt dazu zu sagen, dass 1. auch der unfreie Verstoß (jedenfalls auf Dauer) Schuld bedeuten kann, und 2. das Fehlen der kategorischen Selbstverpflichtung Schuld bedeuten kann. Wenn nicht besondere Voraussetzungen gegeben sind (wie z.B bei den von dir erwähnten bestimmten Formen des Autismus), dann handelt es sich bei 1. und 2. um Schuld, wenn es langfristig/dauerhaft ist (also nicht affektiv, nicht aus Unreifestadien [Pubertät] erwachsen usw.). Schuld hat mit Verantwortlichkeit zu tun. Ich bin verantwortlich für andere. Ich bin verantwortlich für mich selbst. Trage ich diese Verantwortung nicht, trage ich Schuld. Im Juristischen sind der dolus eventualis, der bedingte Vorsatz, und die grobe Fahrlässigkeit, ähnlich. In Kauf nehmen, sich abfinden, Gleichgültigkeit, hätte wissen müssen, hätte erkennen können, usw. Deswegen ist z.B. für mich auch Unwissenheit aus Gleichgültigkeit und Gleichgültigkeit aus Unwissenheit schuldhaft. Ein einigermaßen funktionierender Verstand gleicht immer ab. „Hab ich nicht gewusst“ oder „Hab ich nicht erkannt“ kann eine Weile schuldlos sein, auf Dauer aber wird es ein „Hab ich nicht wissen wollen“ oder „Hab ich nicht erkennen wollen“, und das ist ein schuldig geworden sein. Auch kein Gewissen zu haben (außer in den wenigen Ausnahmefällen) liegt in eigener Verantwortlichkeit. Insofern ist der vermeintlich unfrei gewählte Verstoß (keine Schuld) gegen die kategorische Selbstverpflichtung am Ende doch ein frei gewählter Verstoß (Schuld). Ich glaube, ich schreibe hier ganz schön konfuses Zeugs…

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      1. Es geht aber auch anders herum.
        Wenn man das Dunkle kennt, erscheint das Helle oft zu grell. Das normale Licht strahlt dafür stimmig, worüber diejenigen die nur das Helle kennen, ewig nölen.
        Ein Teil der Seele bleibt aber immer im Dunklen, weil sie nicht vergisst.

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      2. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen waren der Grund für den Titel meines Beitrags („Ebenen“).

        (Dunkelheit kann tatsächlich so tiefgreifend dunkel (und langwierig) sein kann, dass schon die Dämmerung blendet.)

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  7. Das Ungeheuer
    sind wir uns selbst

    vor lauter Angst
    hat der Mensch
    dem Unerklärichen
    einen Bösen
    einen Guten
    Gott gemacht

    den der Mensch in Wort
    und Ritus
    tagtäglich
    in einer Litanei
    besänftigen
    oder sich dem
    Gott unterwerfen muss

    das Gewissen
    dass den Zweifler schafft
    hält seinen Finger
    in die offene Wunde
    eines jeden

    das Licht
    im Menschen

    weil da vor allem
    die Dunkelheit herrscht

    ist in dem Geschaffenen
    zu den Dingen
    dem Lebendigen
    im Lärm von Licht und Schatten
    dem Untergang geweiht

    das Dämmern
    dass den
    heutigen Menschen

    in eine Bewusstlosikgkeit
    in einseitiger Wirklichkeit verblendet

    ist eine unheilbare Krankheit
    der Menschen
    rund um den Globus
    im hier und jetzt

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