Marginalie

„Aber es ist auch nicht grad unbedingt der Weltuntergang, wenn etwas passiert. Das Schlimmste passiert ja nicht immer. Glück im Unglück, das kannte man. Alle Artisten kennen das. Meine Tante Berta zum Beispiel, eine wunderschöne Frau war das und sang so schön, die ist vom Seil gefallen. Sie war dann überall gelähmt, aber singen konnte sie trotzdem noch.“

Susanna Schwager: Das volle Leben. Männer über achtzig erzählen. Piper Verlag, S. 52

Wenn dir jemand sagt: „Lass den Kopf nicht hängen. Sieh’s doch mal positiv.“, bist du dann gerettet?

Was Empathie und Empfindsamkeit anbelangt, sagte eine Psychologin kürzlich zu mir, sind soundsoviel Prozent in dem einen Extrem, soundsoviel Prozent im anderen Extrem, und die meisten sind irgendwo dazwischen. Die Menschen empfinden da nicht alle gleich.

Warum nicht? Könnte man fragen. 2018 kam eine Studie zu dem Schluss, „dass nur ein Zehntel der individuellen Empathie-Unterschiede in der Bevölkerung genetisch bedingt sind – sie stehen einem Anteil von 90 Prozent nicht-genetischer Faktoren gegenüber“. Und die Neurowissenschaft um Tania Singer hatte bereits zuvor festgestellt, dass sich Mitgefühl sogar trainieren lässt wie ein Muskel.

Um weniger naiv zu fragen: Was und wohin möchte denn der Einzelne, die Gesellschaft, die Menschheit? Und warum? Oder warum nicht? Und wenn wir das dann wissen, warum bewegt sich nichts, oder nicht viel, oder vieles in die falsche Richtung?

Ich weiß, das ist komplex. Doch irgendwie, so scheint mir, sind wir als Gesellschaft und als Menschheit in dieser Hinsicht wie überall gelähmt. Aber singen können wir schön.

***

39 Gedanken zu „Marginalie

  1. Ein komplexes und interessantes Thema lieber Stefan. Ich weiß nicht, ob man Mitgefühl lernen kann, vielleicht eher aus dem Erfahrungsbereich heraus. Je mehr jemand an Schicksalsschlägen ertragen muss, umso mehr Mitgefühl empfindet jemand für andere. Andererseits gibt es auch Menschen, die dann eher verhärten und womöglich grausamer werden. Warum jemand so oder so veranlagt ist, hmm, Erziehung spielt bestimmt auch eine große Rolle und die Prägungen von Kindheit an im sozialen Umfeld.
    Sehr schwierig finde ich es, wenn sensible, empathische Menschen in einem Umfeld leben, das so gar nicht ihrem Wesen entspricht, das kann ziemlich kaputt machen.

    Ein Thema, wo es sehr viel mehr zu sagen gibt….

    Liebe Grüße Ariana

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    1. Wie Recht du hast, liebe Ariana.

      Prinzipiell lässt sich Mitgefühl lernen, aber die Schritte dorthin können sehr schwierig sein. Als erstes muss man sich, wie ich es thematisiert habe, darüber klar sein, dass man es möchte. Die Überschrift des Beitrags ist bewusst mehrdeutig. Nicht nur der Beitrag selbst ist eine Marginalie (i.ü. selbst ja schon ein mehrdeutiges Wort), auch im Eingangszitat ist eine enthalten (für den Mann scheint die Lähmung eine Marginalie, doch – und hier zum Thema Mitgefühl – wird nicht geschildert, wie sich Tante Berta dabei fühlte), Mitgefühl ist für viele eine Marginalie, … Vor allem dann: Zu erkennen, dass es einem selbst und allen anderen und der Umwelt mit Mitgefühl besser ginge (statt Kälte, Hass, Egoismus, Gewalt, Krieg, Ausbeutung, Missbrauch, usw.), das zu erkennen ist doch eigentlich auch eine Marginalie. Wenn jemand verhärtet und grausamer wird, dann hat es sich diese Frage offenbar nicht gestellt (Ausnahmen gibt’s natürlich). Denn wie wäre der Schicksalsschlag in einem mitfühlenden Umfeld verdaut worden (z.B. beim Verlust eines Menschen)? Hätte er womöglich diesen Schlag gar nicht erlebt, wenn der Schlagende (z.B. im Falle von Missbrauch) mitfühlend gewesen wäre?

      Ich danke dir für deine Gedanken!

      Liebe Grüße an dich!

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      1. …dass man es möchte, ja und in einem mitfühlenden Umfeld lässt sich mit Sicherheit mancher Schicksalsschlag besser ertragen oder findet gar nicht statt. Mitgefühl hat für mich auch etwas Tröstliches, man fühlt sich verstanden, angenommen…

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    2. Hallo Ariana,
      ich muss dir Recht geben dass es mitunter an Schicksalsschlägen liegt.
      Aber ich habe auch noch nicht herausfinden können warum man in welche Richtung tendiert. Irgendwo habe ich mal gelesen dass tiegreifende Erlebnisse zu Hochsensibilität führt, dem kann ich nur zustimmen. Also ist es nicht nur angeboren.
      LG, Nati

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  2. Eine beeindruckende Metapher. Vielleicht ist auch nicht mehr möglich, als schön zu singen? Denn wenn es wirklich schön ist, ist das trotz allem etwas Positives und das hat wieder eine winzige positive Rückwirkung, damit nicht alles noch schlimmer wird…

    Liebe Grüsse, „Tom“

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    1. Unbedingt, lieber Tom, ist das mit der positiven Rückwirkung wahr! (Wir haben vor einigen Jahren ja auch mal über Schwarmverhalten diskutiert, vielleicht erinnerst du dich…).

      Allerdings sehe ich das mittlerweile auch etwas ambivalent. Irgendwo hatte ich neulich bei Emil überspitzt kommentiert: „Homo sapiens ist nicht eine Art. Ist zwei.“ Manche Menschen singen noch schöner, doch der Gesang ist nur eine Maske, hinter der alles schlimmer wird.

      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 4 Personen

      1. Die Maske… das ist eine weitere Metapher. Die Wirkungen von Menschen auf andere, also die Gesellschaft und umgekehrt sind ja komplex. Allerdings ist „Gesellschaft“ etwas Abstraktes und jeder versteht darunter etwas anderes…

        Auf deine Fragen „Was und wohin möchte denn der Einzelne, die Gesellschaft, die Menschheit?“ habe ich zunächst versucht zu antworten, habe das aber wieder gelöscht. Scheinbar bin ich immer noch in Versuchung, solche grosse Fragen zu „erklären“. Aber kritisch betrachtet, ist das alles eher Quatsch. Ich kann nur etwas Handfestes über den Einzelnen, sprich über mich selber sagen, alles andere läuft eher auf fragwürdiges soziologisches Kaffeesatzlesen hinaus. In gewissem Sinne ist dies auch eines meiner Themen in Hulls Labor. Der Einzelne ist viel mehr als sein Verhalten im Schwarm.

        Mich freut es, mich wieder mit dir austauschen zu können.

        Schöne Grüsse, „Tom“

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      2. Ja, lieber Tom, der Einzelne ist mehr als sein Verhalten im Schwarm, aber er ist es auch.

        Das mit dem Kaffeesatzlesen sehe ich allerdings anders. Aber das ist ein Blick über Gegenwart und Individuum hinaus, vor dem Hintergrund der Erkenntnis (ja, es ist mehr als nur eine Annahme), dass i.d.R. für das Individuum in seiner Gegenwart grundsätzlich Mitgefühl als erwünscht angesehen wird und dass dies für die Gegenwart künftiger Individuen nicht anders sein wird.

        Ich freue mich auch, dass wir uns nach der langen Zeit wieder gefunden haben!

        Liebe Grüße!

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      3. Ich habe das nicht sauber formuliert. Ich meinte lediglich meinen gelöschten Betrag mit der Bewertung als Quatsch. Grundsätzlich ist es durchaus erwägenswert, sich Gedanken und Theorien über gesellschaftliche Entwicklung zu machen. Wobei auch bei andern nicht alles so goldig ist… Mitgefühl ist ein Ding, das EINEM „Herzen“ oder Gehirn entspringt. Nur dort kann es stattfinden. Gesellschaft ist dafür m.E. die falsche Systemebene. Auch wenn der Gedanke schön ist, eine Gesellschaftsform zu entwickeln, in der Mitgefühl ganz oben in der Prioritätenliste stünde.
        Schönes Wochenende, „Tom“

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      4. Ja, Mitgefühl entspringt einem Herzen, aber da es ein Gefühl eines anderen Herzens mitfühlt, ist es bereits eine Verbindung zum Mitwesen. Diese Verbindungen sind Bausteine gesellschaftlich relevanten Handelns. Ob es nun bedeutet, einen Obdachlosen nicht erfrieren zu lassen, einen Kranken nicht zur Arbeit zu zwingen, oder ein Schwein nicht in einem Kastenstand einzuklemmen.
        Dir auch ein schönes Wochenende, Tom, und liebe Grüße an dich!

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      5. Ich möchte hier nicht nerven oder das letzte Wort haben, das weisst du, Stefan. Dennoch nochmals ein kleiner Einwand: „…ist es bereits eine Verbindung zum Mitwesen“ – Ja, das kann man wirklich so sehen. Für mich aber ist Mitgefühl vor allem die Basis für Handlungen, wie sie du selber dann beschreibst. Die „Verbindung“ wird vom Subjekt gewünscht, so sehr manchmal, dass sie sogar als echte Verbindung „gefühlt“ wird. Nun, ja, wir haben Sinnesorgane, die wie Tentakel zum Mitwesen hinreichen. Und wir können auf Grund dieser Rückmeldungen Vermutungen über dessen Innenleben anstellen. Meine Erfahrung jedoch ist: Das Innere des andern bleibt grösstenteils verschlossen, vor allem wenn es sich um Kognition und intelligente Bewegung im Gegenüber handelt. Ich hatte bis vor kurzem eine Katze, die ist über 19 Jahre alt geworden. Ich habe auch bei grösstem Interesse und auch Verstehen ihrer grundlegenden Kommunikation, was manchmal faszinierend war, ihr Wesen nicht annähernd erschliessen können. Zwischen Menschen herrscht viel Sprachverkehr. Aber wie doppeldeutig und fehleranfällig ist dieser. Auf dem Boden menschlicher Kommunikation gedeihen viele Illusionen. Insofern neige ich der Ansicht zu, dass jedes Wesen im Grunde ein einsames ist und bleibt. Erst wenn ich meine existenzielle Einsamkeit akzeptiere und sie mich nicht mehr ängstigt, kann ich gute „Verbindungen“ zu anderen Wesen knüpfen, die zu „positiven mentalen Zuständen“ führen, wie es Metzinger so nüchtern formuliert hat. Das Fühlen dieser Zustände, das könnte Glück bedeuten.

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      6. Du nervst doch nicht, lieber Tom. Ich freue mich über deine Gedanken, und es macht doch eine Diskussion gerade aus, dass man unterschiedliche Sichtweisen austauscht.

        Ich kann deine Gedanken nachvollziehen. Ob ich deine Ansicht, wie du sie mit den letzten Sätzen formulierst, teilen kann, das kann ich derzeit nicht sagen. Auf den ersten Blick würde ich sagen, entspricht das nicht meiner Beobachtung. Aber meine Beobachtung war nicht explizit auf diesen Gedanken ausgerichtet. Ich werde diesen Gedanken also mitnehmen, und Zeit brauchen, um weiter zu beobachten, und für mich eine Antwort zu finden.

        Deine Gedanken sind m.E. allerdings auf einer anderen Ebene. Mein Beitrag bewegt sich da eher auf der pragmatischen Ebene. Wenn deine Katze z.B. verletzt war, Schmerzen hatte, hattest du doch sicher auch das, was wir landläufig Mitgefühl nennen. Das genügt doch bereits, unabhängig von einer tieferen Analyse, ob dieses Mitgefühl „echt“ oder echt ist. Es verband dich mit deiner Katze, es war gut, und führte zu gutem Handeln (du gingst mit ihr zum Tierarzt). Wenn ein traumatisierter Mensch durch einen anderen Menschen Mitgefühl erfährt, dann ist das auf dieser pragmatischen Ebene ein (relativer) „positiver mentaler Zustand“, gleich, ob er seine existenzielle Einsamkeit akzeptiert oder nicht. Die Unterscheidungen zwischen „echtem“ und „nicht echtem“ Mitgefühl sind auf dieser pragmatischen Ebene nicht an philosophischer Erkenntnis ausgerichtet, sondern an konkreten Folgen (Mitgefühl wird z.B. missbräuchlich zu egoistischen Zwecken vorgespielt).

        Liebe Grüße an dich!

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  3. Hallo Stefan.
    Zu viel Empathie und Sensibilität ist auch nicht immer gut.
    Da braucht man schon gut funktionierende Schutzschilder um darunter nicht zu sehr zu leiden.
    Das kurze Musikstück gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße zu dir,
    Nati

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    1. Hallo liebe Nati,

      das ist ja die Crux: Wäre Mitgefühl der allgemeine Standard, bräuchte es keine (oder kaum) Schutzschilder. Daher die Frage: Was und wohin möchte denn der Einzelne, die Gesellschaft, die Menschheit?

      Ich danke dir 🙂

      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 3 Personen

      1. Ich kann da ja nur für mich sprechen.
        Ich wäre für mehr Mitgefühl, Miteinander.
        Denn ich merke sehr oft dass dies dem Gegenüber guttut wenn man selbst so handelt. Aber dieser Wunsch ist zu unrealistisch, dafür ist die Menschheit zu sehr aus dem Gleichgewicht. Viele zeigen auch dass die Ellenbogentechnik zu schnelleren Erfolg führt. So bleibt es nur einfach weiter zumachen, im eigenen Umfeld und sich selbst so gut es geht zu Schützen. (Passt ja wunderbar zu meinen Beitrag, fällt mir gerade auf).

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  4. Wunderschöne Musik, danke Dir dafür!
    „Lass den Kopf nicht hängen. Sieh’s doch mal positiv.“ Das kann retten oder vernichten. Nach längerem Überlegen vermute ich, dass die Frage, welche der beiden Möglichkeiten Realität wird, davon abhängt, ob dem Schmerz ein Existenzrecht zugesprochen wird. Dient die Ermunterung dazu, den Schmerz zu marginalisieren, dann vernichtet sie. Wird der Schmerz jedoch anerkannt, sagt die Ermunterung: ich weiß um Dein Leid, das nicht änderbar ist, ich kann Dir nur helfen die Perspektive zu erweitern, Du kannst den Weg nur sehen, wenn Du vom Leid aufblickst. Dann ist das Rettung.
    Das Bild der Empathie als trainierbarem Muskel trifft die Sache sehr gut. Ein kräftiger Muskel kann einen Andern aus dem Sumpf ziehen, kann ihn aber auch unter Wasser drücken. Empathie ist eine Fähigkeit, die dem Mitgefühl ebenso dienen kann, wie dem Sadismus.
    Ich halte es für wesentlich, zwischen Empathie und Mitgefühl zu unterscheiden. Wer Empathie hat, weiß, was der Andere fühlt. Wer Mitgefühl hat, fühlt, was der Andere fühlt.
    Mitgefühl kann sehr kontraproduktiv sein. Der Chirurg, der intensiv mitfühlt, setzt keinen Schnitt mehr, der Ersthelfer, der die Angst der Angehörigen mitfühlt, wird handlungsunfähig.
    Es kommt darauf an, Subjekt und nicht Objekt des eigenen Mitgefühls zu sein.
    Wer sensibel ist, muss nicht empfindlich sein: der menschliche Körper ist hochsensibel und hart im Nehmen zugleich.
    Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren. (Che Guevara)
    Wohin wollen wir? Fühlen wir uns ohnmächtig angesichts von Krieg und Hunger? Haben wir Angst vor Terror? Denken wir, es sei zu spät, etwas zu retten?
    Dann sind wir gelähmt am ganzen Körper.
    Und nun kommt zum Tragen, was uns zu Menschen macht: die Fähigkeit, noch immer und trotzden schön zu singen. Das ist sie, die Blume im Gewehrlauf…
    LG Michael

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    1. Da muss ich dir leider widersprechen Michael.
      Wer empathisch ist, fühlt den Schmerz des anderen.
      Emphatie ist intensiver als Mitgefühl. Mitgefühl ist nur etwas Äußerliches welches man einem Anderen entgegenbringt. Emphatie kommt von Innen heraus. So würde ich es erklären.

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      1. Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. (Wikipedia)
        Mitgefühl ist Fähigkeit, das Gefühl (Fühlen) eines anderen Individuums durch eigenes Fühlen zu begleiten (Resonanz) oder zu einem späteren Zeitpunkt zu bekunden (resonanzhaftes Feedback). (Enzyklopädie der Wertvorstellungen)
        Also wie ich sagte: Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und mitzufühlen. Mitgefühl ist das tatsächliche Mitfühlen.
        Ich glaube, Du meinst Mitleid, ein Begriff, der Oberflächlichkeit und Herablassung einschließen kann.
        LG Michael

        Gefällt 2 Personen

      2. Danke fürs auseinander friemeln Michael.
        Dann wird es bei den Webseiten für Hochsensible stets falsch vermittelt.
        Ich für mich habe es auch stets so bezeichnet.
        Zum Glück lernt man nie aus. 😉
        LG, Nati

        Gefällt 2 Personen

    2. Vielen Dank, lieber Michael! Aber diese Musik ist wirklich nur eine Marginalie, für diesen Beitrag auf die Schnelle komponiert.

      Das sind wirklich gute Gedanken, die du vorbringst. Und ja, es beginnt (u.a.) damit, ob dem Schmerz ein Existenzrecht zugesprochen wird, ob Mensch, ob Tier…
      Deine Unterscheidung zwischen Empathie und Mitgefühl halte ich für wichtig. Vor drei Wochen las ich folgende Definition: „Empathie: Die Fähigkeit, die Situation eines Menschen nachzuempfinden, mit dem Ziel, dessen Gefühle und Sichtweisen zu verstehen und eigene Handlungen auf dieses Verstehen abzustimmen.“ Im Sinne deiner Unterscheidung würde ich „nachzuempfinden“ hier als „nachzuvollziehen“ lesen, aber das ist nebensächlich. Auch bei dieser Definition ist bei vorhandener Empathie Sadismus möglich. Insofern fehlt manchen Menschen Mitgefühl und Empathie.

      Die Formulierung, dass Mitgefühl sehr kontraproduktiv sein kann, würde ich so nicht unterschreiben. Ich könnte ja genauso sagen, dass der Chirurg vielleicht gerade aus Mitgefühl Chirurg wurde. Ich würde vorschlagen, und so, glaube ich, führst du es ja sinngemäß auch fort, es so zu formulieren, dass wir mit der Entwicklung von Mitgefühl auch einen differenzierten Umgang mit (unserem und anderem) Mitgefühl entwickeln sollten.

      Vielen Dank und liebe Grüße an dich!

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      1. Genau, Du hast meinen Punkt getroffen!
        Ich würde allerdings behaupten: ohne Empathie gibt es keinen Sadismus. Der Sadist genießt das Leid seines Opfers, wie könnte er das ohne Empathie? Es kommt wie bei allem darauf an, was man daraus macht.
        Eine äußerst kritische Sicht könnte ergeben, dass die Rede von Empathie und Mitgefühl bereits eine Verfallserscheinung darstellt, weil sie nicht klar in den Blick nimmt, worauf es ankommt: Die Liebe zwischen den Menschen!
        LG Michael

        Gefällt 1 Person

      2. Was den Sadismus betrifft, stimme ich dir zu. Und vergleichbares gilt für die verdeckte Narzisstin.

        Hinsichtlich der Liebe: Ja, darauf kommt es an! Dass die Rede vom Mitgefühl dadurch eine Verfallserscheinung sein könnte, sehe ich nicht so, jedenfalls nicht per se. Da bin ich allerdings von meiner langen Beschäftigung mit dem Buddhismus geprägt, der in seiner langen Tradition die Phänomene des Geistes/der Seele/des Herzens sehr genau untersucht und je spezifische Pflege im Umgang mit ihnen entwickelt. Hinsichtlich der Liebe kennen wir das ja auch etwas (Agape, Eros, Caritas, Philia) …

        Liebe Grüße!

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  5. Ja, Nati, vielleicht hatte dein Beitrag sogar etwas mitgewebt an meinem Gedankenfaden…

    Ich sehe das wie du, dass es zu unrealistisch ist. Deine Schutzschilder sind gesund, dass sie bei mir fehlen, ist ungesund. Doch das betrifft die Individual- und Präsenzebene. Wie aber sieht es aus im Hinblick auf die Frage, wo der Einzelne, die Gesellschaft, die Menschheit denn hin will? Ein Aspekt: Ich habe immer recht und schlecht so versucht zu leben, dass deine Urururenkel weniger Probleme haben. Wenn ein Ziel erkannt ist, sollte es unserem Handeln dann nicht eine Richtung geben?

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    1. Ich habe mir das irgendwie gedacht Stefan, dass mein Beitrag dich dazu verleiteten etwas zu schreiben.

      Ich weiß nicht ob meine Schutzschilder gesund sind. Manches, wie in meinen Beitrag erwähnt, lasse ich zu nah an mir heran. Und das tut mir nicht gut. Ich muss mich noch mehr abgrenzen und Menschen nicht zu schnell zu nah an mir heran lassen.

      Ich weiß nicht wo die Menschheit hin will, das kann ich dir leider nicht beantworten.
      Es wäre schön wenn mehr Menschen bewusster Leben würden, damit noch etwas für die Ururenkel vorhanden ist was lebenswert ist. Leider habe ich schon oft gesehen je mehr ein Mensch besitzt, desto ungenierter lebt er, ganz ohne schlechtes Gewissen.

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      1. Da hast du Recht. Und nun stell dir vor, Mitgefühl und Liebe hätten in der Welt einen Stellenwert, dass das Verhalten solcher ungeniert lebender Menschen so geächtet wäre, dass ein solches Verhalten nicht mehr so leicht möglich wäre, wie es das derzeit noch ist…

        Ich wünsche dir, dass dir die Abgrenzung zu deinem Schutz gelingen möge, ohne dass dazu dein Wesen verbogen wird.

        Liebe Grüße an dich, Nati.

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  6. Warum fehlt dir dein Schutzschild? Warum war es dir bisher nicht möglich eines zu bilden? Und noch eine Frage hätte ich, warum Narzisstin?
    Wenn ich dir zu neugierig bin, brauchst du nicht antworten. 😉

    Ich denke solange Geld die Welt regiert wird dies alles weiterhin stattfinden.
    Da hat das Menschliche wenig Chancen. Ich versuche aber stets ein Vorbild zu sein und Menschen in meinen Umfeld ein wenig positiv zu „beeinflussen“.

    Danke dir, aber ich lasse mich nicht verbiegen.
    Es liegt ja an oder in mir, etwas zu verändern.

    Liebe Grüße zu dir, Nati

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    1. Nicht Geld ist der Regent, sondern Menschen mit Gier nach Geld, Menschen, denen Liebe und Mitgefühl fehlt…

      Deine Eingangsfragen will ich gerne beantworten. Da das aber komplizierter ist und vielleicht nicht für die Öffentlichkeit, werde ich es bei Gelegenheit über dein Kontaktformular tun, wenn das ok für dich ist.

      Liebe Grüße an dich!

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      1. Ja, die ständige Gier nach mehr und noch mehr.
        Nie zufrieden sein können. Habe ich noch nie verstanden.

        Das darfst du gerne machen Stefan. Du kannst auch nur eine kurze Nachricht schicken, in der ich dir antworte. Dann hast du meine Mail Adresse worüber du entspannter schreiben kannst als in dem kleinen Kontaktfeld.

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  7. Wenn ich in den Neunzigern des vergangenen JH nicht versucht hätte, schön zu singen (nur für mich und nicht das Lied der anderen), dann wäre ich wahrscheinlich zugrunde gegangen. Das Zitat nehme ich mir mit. Danke dafür und auch für den Anstoß zum Sortieren der eigenen, teils verdrängten Empfindungen.

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