Des Engels Vergehen

Sorry, ein längerer Text. Ich hole doch noch einmal den Schlüssel hervor, öffne das Schloss, öffne es weit, auch wenn es mir selbst peinlich ist. Regelverstoß. Fremdschämen erlaubt.

Sie war eine schöne Frau, mit der Aura einer naturnahen Extravaganz. Als Engel sah ich sie. Dass der Lebensbaum in den ersten Jahren unserer Beziehung ihr zentrales, uns verbindendes Symbol war, schien wie selbstverständlich…
Als sie sich, vor fast einem Jahr, umdrehte, und unvermittelt fortlief, verstand ich zunächst nicht. Erst nach und nach erkannte ich, dass der Engel ein schwarzes Kleid trug, ihre Welt farblos, grau, schwarzweiß war, und ihre Schönheit nur eine Maske…

Ein seltsames Geschehen…

Nach so viel Dunkelheit begann ich Anfang der Woche mit einer neuen Komposition. Ich bemühte mich, sie hell und positiv zu halten. Und dennoch mischte sich wieder eine kurze „Störung“ dazwischen, ein paar dunkle Takte. Insgesamt aber blieb der Charakter hell. Fertig war die Komposition noch nicht, und die Notizzettel mit Korrekturen, Änderungen und Ideen stapelten sich…

Heute früh erhielt ich eine E-Mail von The Cue Tube, einer Plattform, auf der für Komponisten Filme zur Vertonung angeboten werden, wo sich Filmemacher und Komponisten treffen. Also schaute ich nach langer Zeit dort mal wieder vorbei. Ich war ganz aufgeregt, als ich diesen Kurzfilm entdeckte, wusste, das ist mein Thema! Peccatum Angelicum – Engelssünde. Der Film besteht aus zwei Teilen, einem farbigen, der die Natur zeigt, bestellte Felder und eingebrachte Ernte, eine Kulisse des Lebens aufbaut, in der die Kameraführung vom Detail in zunehmende Weite führt; und aus einem farblosen, in der eine vermeintlich schöne Frau mit einem Lebensbaum-Tattoo (!), diese Kulisse benutzt, um sich zu präsentieren. Kurze Störungen (das sind keine Dateifehler, ich habe es mehrfach geprüft), und ein kurzes, bildloses Schwarz dazwischen, baut sich die Kameraperspektive immer mehr – umgekehrt zum ersten Teil – der Frau annähernd auf, bis nur noch sie zentral erscheint. Ihr Blick, bei näherem Hinsehen, spiegelt zunehmend Kälte, überhebliche Selbstverliebtheit…, bis die Frau sich schließlich umdreht und ohne Schwere fortläuft. (Eingeweihte bemerken den Trauerschleier: Ein triumphierendes Opfer…)

Dieser Film war wie für mich gemacht, eine künstlerische Umsetzung meiner Geschichte! Versuchsweise ließ ich parallel zu dem Film meine Komposition ablaufen, an der ich gerade arbeitete, und war platt. Ich hatte die Musik zu diesem Film geschrieben, ohne den Film zu kennen. Es gab nichts zu korrigieren und zu ändern, selbst die Störung in meiner Musik passte zur Störung im Film. Ich kann gar nicht beschreiben, wie aufgebracht ich war, Tränen liefen, und ich machte mich gleich an die Arbeit.

Vor elf Monaten hat mir meine Musik geholfen zu überleben. Dann half sie mir zu verarbeiten. Vor allem meine Hörer haben mir immer wieder durch meine Musik aufgezeigt, wo ich gerade stehe. Nun sprachen Film und Musik zu mir. „Schau, Stefan: So, wie die Musik verläuft, ihr positives Hauptmotiv sich auch im zweiten Teil schließlich wieder durchsetzt, so wird dein Leben langsam wieder neu beginnen. Die Bilder der Natur, im ersten Teil des Films zentral, ziehen sich auch durch den zweiten Teil. Sie wurden missbraucht für Jemands Selbstdarstellung, aber sie sind nicht verschwunden. Ein schwarzer Engel trampelte durch diesen Garten, seine grazilen Bewegungen vermögen nicht darüber hinweg zu täuschen. Doch die Pflanzen in diesem Garten leben weiter. Die Natur des ersten Teils ist zu einem Schutzgarten geworden…“

Meine zweite Filmmusik. Peccatum Angelicum.

Besonderen Dank an C.J.


Bitte mindestens mit Kopfhörern anhören. Der Smartphonelautsprecher verschluckt Elemente des zentralen Motivs in Celli und Kontrabässen.

23 Gedanken zu „Des Engels Vergehen

  1. Schon erstaunlich wie Musik und Film zusammen passen ohne sich vorher je begegnet zu sein.
    Es waren sicherlich sehr emotionale Tage bei dir Stefan und ich finde es keineswegs zum Fremdschämen.
    Vielen lieben Dank für das weite Öffnen deiner inneren Tür. 🍀
    Liebe Abendgrüße zu dir,
    Nati

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      1. Ich glaube, es ist gut, wie es ist. Mich hatten in deinem fettgedruckten Text vor allem drei Wörter geradezu „angesprungen“. Das, was da drin steckt (oder was ich da hinein lese), das ist – auf meine Geschichte bezogen – wahrscheinlich sogar der Hauptgrund, warum ich denke, dass es gut für mich ist. …

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  2. Das ist in der Tat höchst erstaunlich. Es ist bei so einem Film ja nicht ganz einfach (vorsichtig ausgedrückt), den richtigen Ton zu finden. Ihn aber zu finden bevor man den Film überhaupt gesehen hat – das ist schon etwas Einzigartiges. 🌟
    Obwohl hier die Klänge zu den Bildern passen wie die Hand in den Handschuh, könnte ich mir übrigens gut eine musikalische Erweiterung vorstellen. Fast wie verschiedene Kapitel, die zwar eigenständig sind, die aber doch durch thematische Verwandtschaft zeigen, dass sie dem selben Lebens-Lauf angehören. 🙂

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    1. Erklären kann ich es mir auch nicht, lieber Random. Außer mit einem außergewöhnlichen Zufall, der manchmal jedoch höchst treffend zu einem höchst treffenden Zeitpunkt kommt. In der Tat gab es nichts zu ändern, nichts zu schneiden, nichts zeitlich zu verschieben bei Musik und Film. Warum die Mail heute, nachdem ein halbes Jahr nichts kam von The Cue Tube? Warum dieser Film ausgerechnet jetzt dort? Warum passt die Musik so?

      Deine Vorstellung von einer musikalischen Erweiterung ist ebenso treffend, allein derzeit dominiert noch ein Kapitel…

      Von Herzen meinen Dank! ❤️

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      1. Die Wege der Inspiration sind unergründlich. 😉 Und man kann so etwas ja auch nicht steuern oder erzwingen (was aber, wie ich finde, nicht unbedingt ein Nachteil ist).

        Für mich hat sich die Vorstellung einer Erweiterung rein aus der Musik ergeben, unbelastet von dem, was damit zusammenhängt. So etwas hat ja dann auch meist eine Eigendynamik, die sich, wenn es denn sein soll, durchaus bemerkbar zu machen weiss… 🙂
        Mit einem herzlichen Abendgruß 🐻

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  3. Puh, das ist irgendwie krass, wie sich die Dinge fügen, als würde eine andere ‚Ebene‘ versteckt im Hintergrund laufen. Schon beim Lesen deines Textes hat es bei mir etwas ausgelöst in meiner Stimmungslage, da habe ich noch nicht deine Musik gehört. Dann das Video mit der Musik, wow, wie füreinander gemacht und gefunden. Es sollte wohl so sein und ich habe eine vage Ahnung davon, wie es dir damit ergangen ist lieber Stefan…
    Die Dinge fügen sich und die hellen Elemente überwiegen…ich freue mich für dich…
    Herzliche Grüße Ariana

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