Vertraute fremde Sprache

„Warum aber gibt es dann mehr als 6500 Sprachen und nur eine Mathematik?“

Mario Livio: Ist Gott ein Mathematiker?, Abschnitt „Sprechen Sie Mathematisch?“, DTV 2014, S. 291


Ob der Hund aus Rumänien mich verstehen wird, und ob ich den Hund aus Rumänien verstehen werde – das sind heutzutage keine originellen Fragen mehr. Jeder weiß, dass die Sprache zwischen Mensch und Hund im Wesentlichen universeller Natur ist. Und der Erkenntnisstand in Verhaltensbiologie und Soziobiologie hat gerade zur Mensch-Hund-Beziehung nicht wenig an Umfang und Tiefe gewonnen.

So mancher Hundebesitzer weiß bereits rein intuitiv, bzw. aus seiner Erfahrung heraus, um viele solcher Erkenntnisse. Auch mir ging es so. Ich habe fast mein ganzes Leben mit Hunden zusammengelebt. Ohne dass ich es aus dem Gedächtnis beschreiben oder analytisch vortragen könnte, kann ich die Körpersprache, Mimik und Gestik eines Hundes recht gut verstehen, so wie viele ein gutes Deutsch sprechen, ohne zu wissen, was ein Plusquamperfekt ist. Und umgekehrt gilt das gleiche: Meine beiden letzten Hunde und ich haben uns so gut verstanden, dass es selten eines Wortes bedurfte; ein Blick, eine Mimik, eine kleine Bewegung oder Geste genügten meist, damit der Hund verstand.

„Diese Zwischen-Arten-Kommunikation: Für mich ist das eines der größten Abenteuer, die wir noch vor uns haben.“

Die Meeresforscherin Antje Boetius gestern in der Sendung scobel – Rätselhaftes Bewusstsein


Die Liebe schien in der Wissenschaft erst vergessen, und schließlich selbst zum Objekt der Erklärbarkeit degradiert. Zum Glück ist so manche Arroganz wieder einem Staunen gewichen, haben Reduktionismus, Determinismus und Biologismus heute keinen guten Stand mehr. Zumindest der wissenschaftliche Laie darf sich wieder getrauen, öffentlich auch von Liebe zu sprechen, wenn es darum geht, das Funktionieren der Sprache zwischen Hund und Mensch zu verstehen.

„In der Stimme der Wesen singt sich die Welt“

Andreas Weber: Alles fühlt, Verlag thinkOya 2014, S. 150


Ich freue mich darauf, in etwa 3 Monaten diese mir vertraute fremde Sprache endlich wieder sprechen zu dürfen. Eine Sprache ohne Berechnung, Boshaftigkeit, Schauspiel und Lüge, gemeinsam mit einem liebenden und geliebten Wesen ohne Kälte und Untreue.

Im Sein solcher Wesen singt sich meine Welt.

***

16 Gedanken zu „Vertraute fremde Sprache

  1. Ich glaube, dass es nicht nur zwischen Tier und Mensch diese ‚verstehende Sprache‘ gibt bzw. geben kann, sondern zwischen allen Wesen möglich sein kann. Es ist ein sich öffnen, lauschen, staunen, einfühlen, wahrnehmen, beobachten usw…
    Deine Musik ist sehr schön dazu. 🙂
    Liebe Grüße Ariana

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    1. Vielleicht hast du damit Recht, liebe Ariana. Wenn man sich öffnet, lauscht, …, wie du schreibst, dann erwachen ja solche Intuitionen. Und nach der gestrigen Sendung, die ich in dem Beitrag verlinkt habe, scheint noch so vieles denkbar…
      Du hast ein gutes Ohr: Die Musik habe ich tatsächlich für diesen Beitrag konzipiert und geschrieben.
      Vielen Dank dir! 🙂
      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 2 Personen

  2. Die menschliche Sprache existiert nicht ohne Metaphern. Kaum ein Satz ohne solche. Und das macht sie zu einem Spiel. Schöne Metaphern, schönes Spiel. Erklären kann man damit nicht wirklich viel. Verstehen, aber auch missverstehen schon. Auch lügen. Die Hundesprache hingegen kommt, so weit ich das überblicke, weitgehend ohne Metaphern aus. Das scheint sie zunächst vor allem ärmer zu machen. Hunde sind eher keine Lyriker.

    Aber diese „Armut“ beinhaltet eine Ehrlichkeit, die wir zwischen uns Menschen bisweilen vermissen.

    Die Musik ist klasse. Auch diese Visualisierung der jeweiligen Gegenwart im Stück.

    Schöne Grüsse, Tom

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    1. Dein stets analytischer Blick auf die Dinge ist bereichernd, lieber Tom. Da ist wohl etwas dran, was du sagst (wobei es ja auch Tiere gibt, die „lügen“, wie z.B. bei Rabenvögeln beobachtet werden konnte). Und diese Ehrlichkeit der Hunde hat dann auch wieder etwas lyrisches…

      Vielen Dank für deine Anmerkung und das Kompliment!

      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 1 Person

  3. Ich freue mich mit dir wenn du diese Sprache bald wieder sprechen darfst Stefan.
    Hunde, Tiere im Allgemeinen, sind wunderbare Wesen.
    Es gibt aber auch Menschen die diese Sprache nie sprechen, sie einfach nicht verstehen können. Das ist wirklich schade, denn oft wie du auch geschrieben hast, kommt man ganz ohne Worte aus.
    Welche Rasse wird es sein?
    Liebe Grüße zu dir,
    Nati

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    1. Vielen Dank!

      Da hast du Recht, liebe Nati. Vielleicht liegt es lediglich an fehlenden Möglichkeiten, denn so wie jede Sprache muss auch diese Sprache irgendwie erstmal erlernt werden.

      Ich vermute es wird ein Mischling sein. Die Hündin wurde von einem deutschen Tierschutzverein, der sich um rumänische Straßenhunde u.ä. kümmert, kürzlich aus katastrophalen Verhältnissen gerettet. Ich kenne sie nur von Fotos, der Beschreibung ihres Charakters und ihrer Geschichte, und habe mich sofort in sie verliebt.
      Da sie trächtig war, muss sie sich nun erstmal um ihre Welpen kümmern. Das heißt, nicht nur um ihre… Gestern hat der Verein ausgesetzte Welpen entdeckt, die jemand entsorgt hatte. Die Hündin hat diese Welpen auch noch adoptiert. So ist ihr Charakter, liebevoll, freundlich, gütig, …

      Liebe Grüße an dich! 🙂

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich denke man kann es vielleicht bis zu einen gewissen Grad erlernen. Das Meiste oder Hauptsächliche funktioniert aber intuitiv. Man spürt einfach was das Tier „erzählt“. Genauso spürt das Tier ob man ein guter Mensch ist, gut zu dem Tier ist oder nicht.
        Wir sprechen auch die gleiche Sprache müssen uns aber nicht unbedingt „riechen“ können. Da läuft auch viel mehr im Hintergrund ob das Zwischenmenschliche funktioniert oder eben nicht.

        Die Beschreibung deiner Hündin hört sich gut an. Ihr beide werdet es sicherlich gut miteinander haben. Vielleicht zeigst du mal ein Bild. 😊

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      2. Wie Recht du hast, Tiere spüren das! Auslöser für die Entscheidung Hund (ein wenig überlegt hatte ich ja bereits) war, dass vor einigen Tagen ein Wildentenpärchen mich wieder besuchen kam, die auch im letzten Jahr vom Frühjahr bis zum Frühsommer täglich zu Besuch kamen. Sie sahen mich nur im Haus, und kamen sofort zur Terrasse gewatschelt, ließen sich quasi wieder aus der Hand füttern. Das ist nun keine Liebe ihrerseits, sondern leicht erlangtes Futter. Aber es ist Vertrauen, dass ich gut zu ihnen bin. Und das nach der langen Zeit. Das hat etwas sehr Starkes in mir ausgelöst, ich entschied mich für den Hund, und kann seitdem zum ersten Mal seit langer Zeit wieder nach vorne blicken…

        Klar zeige ich mal ein Bild! 🙂 Hoffe ich bekomme das jetzt technisch hin…

        Klappt nicht. Versuche es mal über einen link: https://laforgesita.files.wordpress.com/2021/04/166391689_4365679060128309_7732563967978668099_n.jpg

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      3. Die Enten zeigen dir, uns, ein gutes Beispiel. Auch wenn sie quasi nur der Hunger treibt. Aber sie spüren dass keine Gefahr droht. Ich habe dieses Bild vor Augen- wie schön. 🙂
        Es ist eine gute und hilfreiche Idee dir einen Hund, in dem Fall eine kleine süße Hündin, anzuschaffen. Sie wird es schaffen mit dir diesen Weg nach draußen zu gehen, raus aus diesem Loch, dieses nur noch existieren. Ihr werdet euch gegenseitig Zutrauen und Vertrauen schenken.
        Bei dem Gedanken entfleucht mir direkt eine Träne.
        Ich freue mich sehr für dich Stefan. Ihr werdet euch guttun.
        Lieben Dank fürs Zeigen. 🙂

        Gefällt 1 Person

  4. Wenn Du einmal etwas Zeit hast, habe ich ein paar interessante Links zum Thema:
    Kann ich eine andere Sprache verstehen (lernen)? https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/filosofix/gedankenexperiment-gavagai-woher-weiss-ich-was-andere-mir-sagen-wollen
    Kann ich mich in Wesen, die ganz anders sind als ich, einfühlen? https://www.philoclopedia.de/2018/06/09/thomas-nagel-wie-ist-es-eine-fledermaus-zu-sein/
    Kann ich vom äußeren Verhalten aufs innere Verstehen schließen? https://www.philoclopedia.de/was-ist-der-mensch/transhumanismus/chinesisches-zimmer/
    Fazit: Nichts geht ohne Intuition, anti-intuitive Aussagen bedürfen einer starken Begründung.
    LG Michael

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    1. Vielen Dank, lieber Michael! Ich habe alle Seiten kurz überflogen, das klingt schon mal spannend. Ich habe mir die links abgespeichert und werde dann mal demnächst tiefer einsteigen!

      „Gavagai“ habe ich gleich komplett gelesen. In Sachen Mensch ist Quines «Prinzip des Wohlwollens» in meinem Leben schon mal mächtig in die Hose gegangen. Mit Hunden ist mir das noch nicht passiert…

      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 1 Person

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