Mensch, vergiss nicht…

Was geschieht mit dem Einzelnen, wenn eine Gesellschaft nach und nach ein „wahres Höheres“ vergisst? Wenn Ideale, Götter, philosophische oder spirituelle Utopien nur noch zur Diskursmaterie elitärer Zirkel werden, zu einem Thema zunehmend nicht mehr ernst genommener Randgruppierungen, oder gar missbräuchlich als manipulatives Lenkungsinstrumentarium unlauterer Eigeninteressen Verwendung finden?

Hängen mögliche Antworten nicht wesentlich davon ab, inwieweit der Einzelne sich als Teil des Höheren wahrnimmt, oder darin ein sich beziehendes Gegenüber erkennt? Ist das jemals in gesellschaftlich größerem Maßstab gelungen? Ist der Vergessensprozess der Gesellschaft Folge fehlender oder mangelhafter Integration auf der Ebene des Individuums?

Es gibt Beobachtungen, dass seit den 1990er-Jahren Egoismus und Narzissmus in unserer Gesellschaft immer mehr zunehmen. Die vermehrte Nutzung von Social-Media-Medien wie Instagram als Scheinwelten-Selbstdarstellungsplattformen scheint diese Entwicklung zu bestätigen. Die Wechselwirkung von gesellschaftlichen und individuellen Präferenzen gibt hier möglicherweise eher wenig Aufschluss über die Ursachen. Es ist zu einfach gedacht, eine Gesellschaft als ein selbstregulierendes kybernetisches System zu betrachten. Die Eingangsfrage kann damit allein nicht beantwortet werden, wenn es auch partizipieren mag.

In einer holarchischen Pespektive stößt man dabei auf die Problematik potentieller Emergenzen, die in ihrer Unberechenbarkeit zumindest in diesem Kontext zutiefst erschrecken können, sowohl im Hinblick auf gesellschaftliche und globale Entwicklung, als auch auf die Folgen für das Individuum.

Da dies ein Blogartikel ist, mögen diese Andeutungen meiner Gedanken* genügen. Das Tor zur Heilung ist mit vielen Schlössern versperrt. Für leidende und mitfühlende Individuen gleicht die Suche nach den Schlüsseln einer Sisyphusarbeit, vielleicht am Ende sogar in Camus‘ Sinne.

__________________________________

*angeregt durch Worte von Michael und Hannah. Ich danke euch.

***

God is de wind
God is de wind, jongen
Die door je haar
Die door je haar
Waait

God is de zon
God is de zon, jongen
Die je gezicht
Die je gezicht
Verwarmt

God is geen bijl
God is geen wet
God is geen standbeeld
God is geen oordeel

God is een vlok
God is een sneeuwvlok
Die op je hand
Die op je hand
Smelt

God is een woord
God is een naam
Die in je hart
Die in je hart
Woont

God is gratis

(Herman van Veen)

Hier eine wunderbare Version von 3JS:

Gott ist der Wind
Gott ist der Wind Junge
der durch deine Haare
der durch deine Haare
weht

Gott ist die Sonne
Gott ist die Sonne Junge
die dein Gesicht
die dein Gesicht
erwärmt

Gott ist keine Axt
Gott ist kein Recht
Gott ist kein Standbild
Gott ist kein Urteil

Gott ist eine Flocke
Gott ist eine Schneeflocke
die auf deiner Hand
die auf deiner Hand
schmilzt

Gott ist ein Wort
Gott ist ein Name
das in deinem Herzen
der in deinem Herzen
wohnt

Gott ist frei

(Herman van Veen)

18 Gedanken zu „Mensch, vergiss nicht…

  1. Lieber Stefan, ein sehr nachdenkenswerter Beitrag. Die Schlösser für das Tor zur Heilung auf den verschiedenen Ebenen scheinen unauffindbar, es wird immer schwieriger. Ja, Camus lässt grüßen und scheint zeitlos zutreffend zu sein.
    Manchmal ist es wirklich nur noch zum Verzweifeln….

    Liebe Grüße Ariana

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank, liebe Ariana, für deinen Gedanken. Ja, streckenweise ist das Leben nur noch ein Kampf gegen das Verzweifeln. Aber ich denke da nicht nur an Camus, sondern auch an Hiob und an Noah (wobei ich solche Geschichten mit einem Innerlichkeitsansatz, sozusagen tiefenpsychologisch lese).

      Liebe Grüße an dich! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Ich sehe hier eine historische Entwicklung, die sich aus vielen Quellen speist. Nur ein paar seien genannt:
    1) Der Idealismus nimmt der Wirklichkeit die unabhängige Existenz und betrachtet sie als Schöpfung des Wahrnehmenden. („esse sest percipii“)
    2) Der Konstruktivismus geht noch weiter und löst die Wirklichkeit auf in einen nur noch semantischen Zusammenhang. (Wirklichkeit als Text)
    3) Die Freudsche Psychoanalyse verfolgt als Utopie die Dominanz des Ichs. („Wo Es ist, soll Ich werden“)
    4) Der moralische Relativismus leugnet die Existenz objektiver ethischer Wahrheit und betrachtet sie als Ausfluss lokaler Gegebenheit (Kulturrelativismus)
    5) Der erkenntnistheroethische Relativismus leugnet die Existenz von Wahrheit und löst diese auf in die Vielfalt blosser Meinungen ohne jeden Wirklichkeitsanspruch.
    Überall findet sich die Ausbildung des „großen Ich“, dem alles andere zur bloßen Umgebung wird.
    Dagegen besteht Camus auf beidem:
    1) auf der unabhängigen, nicht hintergehbaren Existenz einer Welt (der Berg, der Stein, die Mühe, der Schweiß,..)
    2) und auf der Größe des Menschen, der sich darin erhält (das Aufgehen im Tun, die eigensinnige Sinngebung selbst im Absurden)
    Der letzte Satz des Essays lautet folgerichtig: „Wir müssen uns Sysyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“
    Etwas verhaltener äußert sich Hegel in der Phänomenologie des Geistes: „Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet.“
    Es ist nicht einfach, es ist nie einfach. Ich denke, das Einfache ist der natürliche Feind des Wahren.
    Liebe Grüße! Michael

    Gefällt 4 Personen

    1. Meine philosophische Bildung, lieber Michael, ist gefährlich beschränkt. Daher bin ich dir dankbar, dass du die Essenzen mitlieferst.

      Wenn ich dich richtig verstehe und es mal stark vereinfache, stellst du in der historischen Betrachtung der Denkrichtungen eine relativ einseitige Bezogenheit (Ich – Umgebung) einer relativ integrierten Bezogenheit (Ich – in/aus/mit Umgebung) gegenüber. Das würde ich gerne erweitern wollen.

      Damals habe ich in Karl Jaspers „Kleine Schule des philosophischen Denkens“ einen Zettel ins Buch geklemmt und folgende Stelle angestrichen: „Der Mensch will über sich hinaus in ganz anderer Richtung, nicht mehr voran in der Welt, sondern in seiner Gegenwärtigkeit hinaus über die Welt, nicht mehr in die unstillbare, immer neue Unruhe seines zeitlichen Daseins, sondern in die Ruhe der Ewigkeit, in der Zeit quer zur Zeit.“ (Piper Verlag, München, 1974, S. 65). Dieses „hinaus über die Welt“ nicht als Flucht aus der Welt zu verstehen (besser: zu „begreifen“), ist grundlegend so schwierig wie dieses „in der Zeit quer zur Zeit“, oder anders: was ist Transzendenz wirklich, über theoretische Gedanken allein hinaus? Viele Jahre später, nachdem sich meine Wahrnehmung der Welt durch transzendente Erfahrungen verändert hatte, stieß ich zufällig auf Ken Wilbers „Eros, Kosmos, Logos“ und staunte nicht schlecht, wie er meine Wahrnehmung ordnete und erklärte. Integration, auch des „Ich in der Umgebung“ erhält hier noch mal eine weitere Bedeutung. Nun folge ich zwar nicht dem Guru-Hype um seine Person und die Integrale Theorie, aber das ist durchaus pragmatisch tauglich für ein Leben mit einer holarchischen Perspektive. (Schwierigkeiten bekam ich dennoch damit später ein wenig, als mein Nachdenken mich zur metaphysischen Prozessphilosophie und zur Prozesstheologie führte, aber das ist ein anderes Thema…). Das Ich also als Holon.

      Kurz: Wo Jaspers noch schwimmt, haben andere schon etwas Boden unter den Füßen (subjektive Sicht). Aber im Hinblick auf meinen Blogartikel: Wie viele Menschen gelangen überhaupt zum Wasser? Will der heutige Mensch überhaupt „über sich hinaus in ganz anderer Richtung“, wenn man ihn jetzt mal als den Schwarmfisch betrachtet, der er ist?

      Herzlichen Dank für deinen fruchtbaren Kommentar!
      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 3 Personen

      1. Genauso habe ich es gemeint. In der historischen Entwicklung hat sich der Mensch der Welt entgegengesetzt und hat sie zu seinem Objekt degradiert. Mit der entsprechenden Überhöhung des Ich, des Subjekts.
        Dabei ist jeder schon immer in der Welt und dass diese starke Intuition überhaupt der Erklärung bedarf, ist der eigentliche Skandal.
        Denken heißt überschreiten. Insofern geht jede Philosophie über die Welt hinaus, ist Metaphysik.
        Hinausgehen über die Welt, heißt das nicht einfach die Frage stellen: „Was bedeutet das alles?“
        Stelle Dein Licht nicht unter den Scheffel, als wärest Du ungebildet…
        LG Michael

        Gefällt 3 Personen

      2. „Dabei ist jeder schon immer in der Welt und dass diese starke Intuition überhaupt der Erklärung bedarf, ist der eigentliche Skandal.“

        Das ist ein starker Satz. Drastisch offen, kurz und knapp, und aus meiner Sicht voll ins Schwarze treffend.

        „Was bedeutet das alles?“ – Philosophie, so meine Sicht, muss auch im Herzen betrieben werden, sonst ist sie wie die leere Hülle einer Schmetterlingspuppe. Du, lieber Michael, tust das in wunderbarer Weise. Ich wünschte, der Schwarm nähme diese Richtung.

        (Oh, ich weiß, was ich alles nicht weiß, und wie oft ich mich überhebe.)

        Ganz liebe Grüße an dich!

        Gefällt 1 Person

  3. Lieber Stefan,

    diesen deinen Blogartikel habe ich erst jetzt gelesen… (da ich vorher noch mit deinem vorherigen Blogbeitrag befasst war…) und so habe ich gerade eben erst bemerkt, daß du Michael und mich erwähntest …
    Vielen lieben Dank… !!! Und sehr bald mehr von mir… und auch zu diesem deinem Beitrag hier.

    Herzlichst, Hannah

    PS Morgens kann ich mich meistens sehr viel besser aufs Lesen und Schreiben konzentrieren als abends…
    daher wäre es unsinnig, jetzt, am Abend, noch irgendwelche (womöglich wirren oder konfusen) Gedanken dazu zu formulieren und zum Besten zu geben… ; ) Aber ich freue mich und kommentiere morgen gerne.

    Gefällt 1 Person

  4. … So ein schöner Text…. und so schön, ihn zu hören, während draußen der Schnee fällt…
    und dabei doch auch die Sonne und die Wellen zu sehen… und die Jungs auf dem Boot…. und wie ihnen die Sonne ins Gesicht fällt und der Wind durchs Haar weht… ! Danke fürs Posten… und auch für deinen Text… !!

    Gefällt 1 Person

  5. Dieser Text reizt mich ein wenig, auch verspätet noch zu kommentieren. „Was geschieht mit dem Einzelnen, wenn eine Gesellschaft nach und nach ein „wahres Höheres“ vergisst?“ – Diese Frage ist ja bereits eine gesellschaftliche Diagnose. Mein Einwand: Hat es diese Gesellschaft je gegeben? Ist die Diagnose also treffend? Etwas später kommt ja deine Frage: „Ist das jemals in gesellschaftlich größerem Maßstab gelungen?“ – Gut, ich klaue da den Kontext und schliesse einfach kurz zu deiner Eingangsfrage.

    Oder anders gefragt: Das, was in früherer Zeit gesellschaftlich als „Höheres“ verehrt, geachtet, verordnet, etc. worden ist, war das jemals ein „Wahres“? Für den Einzelnen mag das so gewesen sein.Mir ist jedoch historisch keine Gesellschaft bekannt, jedenfalls nicht in Europa, die diesem Kriterium gerecht werden könnte.

    Das bringt mich zur nächsten Frage (Offenbar habe ich nur Fragen und keine Antworten): Ist nicht unsere Zeit, die dem Individuum mehr Freiheit zugesteht als je zuvor, die idealere Zeit, um für sich wirklich Wahres und Höheres zu entdecken?

    Aber: Ist es die Idee einer Gesellschaft, die moralisches Verhalten nur noch vom Verstand und „Herz“ der Leute, also deren Einsicht in ein friedliches Miteinander abhängig machen möchte, ist es diese liberale Idee, die unsere Zeit wirklich bestimmt? Vielleicht war und ist das nur ein Wunsch.

    Jedenfalls haben sich vor nicht allzu ferner Zeit, die Mächtigen stets beim Glauben der Menschen an Höheres bedient, um sich die Untertanen gefügig zu machen. Jedenfalls sehe ich das „manipulative Lenkungsinstrumentarium“ historisch in viel stärkerem Umfang am Werk als heute.

    Ich sehe allerdings heute aufgrund der liberaleren Gesellschaft eine gewisse, durchaus problematische moralische Orientierungslosigkeit. Aber auch eine Beliebigkeit, sich aus dem religiösen Trümmerhaufen und bei den attraktiven, weil fremden, anderen Religionen nach Belieben zu bedienen, um sich eine eigene Wohlfühl-Spiritualität zu basteln. Als Agnostiker mit Hang zum Atheismus hatte ich lange Zeit Mühe, all die vernunftbegabten Wesen zu verstehen, die mit heiligem Ernst ihre eigenen, oft surrealen Glaubensgeschichten kreierten.

    Aber sind all diese esoterischen Blümchenreligionen mit quantenphysikalischer Abfederung nicht doch irgendwie ein Fortschritt im Vergleich zu einer gesellschaftlich verordneten Zwangsreligion? Insofern vergisst der Mensch ja nicht; er bräuchte Spiritualität – nur wie käme er da hin? Die Versuchung ist allzu gross, die Antwort (wieder) eher in totalitärer, eben nicht liberaler Weise zu geben.

    Gefällt 1 Person

  6. Du hast dir viele Gedanken und viel Arbeit gemacht, lieber Tom. Ich danke dir. Unterm Strich habe ich keinen Einwand, wie auch, in gewissem Sinne führst du meine Fragen fort und aus. Mein Ansatz bezieht sich nicht nur auf Religion und Spiritualität. Ein „wahres Höheres“ kann sich auch aus z.B. dem Begreifen der Einbettung in die Natur, in das Ökosystem Erde ergeben, in eine Gesellschaft (eine nationale oder kulturelle oder idelle oder …), in ein ethisches Ideal, usw.. Mein Beitrag ist im Kontext meiner übrigen Beiträge zu sehen, Hintergrund ist ein bestimmtes Thema. Und dazu fiel mir auf und merkt so mancher an: Das Vergessen eines Höheren führt (vielleicht nicht zwangsläufig und nicht bei jedem) rasch in einen Orbit um sich selbst, und es macht den Eindruck, als gäbe es immer mehr Planeten, die als Monde ihrer selbst unterwegs sind und denken, die Sonne kreise um sie allein…

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    1. Dein Hintergrundthema verstehe ich vielleicht gar nicht.

      Dass man heute gerne um sich selbst kreist – ja, diesen Aspekt finde ich auch augenfällig. Vielleicht hat es sogar mit dem Unmöglichen zu tun, was Neurowissenschaft und Philosophie heute antreibt: Das Rätsel des Subjekts und seines Bewusstseins zu knacken. Oder anders gesagt, das Rätsel der Seele zu entzaubern bzw. zu lösen. Möglicherweise sind diese Ergebnisse sogar etwas „besser“ als jene der Astro- und Quantenphysik. Dort scheinen Spiele im Gang zu sein nach dem Motto: Alles was man mathematisch herleiten kann, könnte auch real sein. Doch halt, davon verstehe ich nichts. Wenn ich überhaupt was verstehe, dann ein bisschen was von der Seele.
      LG Tom

      Gefällt 1 Person

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