Du hast mir Antwort gegeben

In diesem Beitrag geht es um ein Stück Musik, dass sich niemand anzuhören braucht. Verstehe ich völlig. Immerhin ist es 12 Minuten lang und nur wenige können überhaupt etwas mit so einer Musik anfangen. Reinhören ist völlig witzlos; es wird erst verständlich und entfaltet sich erst bei vollständigem Durchschreiten (so muss man sagen, denn diese Musik ist nicht da, um zu unterhalten). Ich schreibe dennoch darüber, da ich in den vergangenen Tagen viel um dieses Stück kreise. Und dann erhielt ich auch noch eine Art Antwort des Schicksals…

Eine meiner ernsthaften und besseren Arbeiten ist mein „Psalm 22 – myein“. Sie entstand im Mai 2021 als „Work in progress“ auf meiner Musiksammelseite. Ohne die für mich ergreifende Zusammenarbeit mit einigen meiner Leserinnen und Leser hätte dieses Werk nicht so entstehen können, wie es sich schließlich darstellt.

Dieses Stück hat eine große Bedeutung für mich. Vielleicht ist es mein wichtigstes Werk, so dass ich es wieder hervorgekramt habe. Der „Psalm 22“ war meine erste Musik, zu der jemand eine Dichtung schrieb. Es war Aziz. Er wird den Psalmtext vermutlich nicht kennen, denn er ist nicht gläubig. Dennoch: Er hörte die Musik einige Male, und verstand, was sie erzählt. Das, was dahinter steht, ist wohl universal. Seine Dichtung erzählt den Psalm in gewisser Weise auf seine Art, so dass ich sie hier statt des Psalmtextes wiedergebe.

Der Herr der Dunkelheit und Schatten

Du bist im Abgrund meiner Träume gelandet
Ich hatte eine unruhige Nacht, als meine Schlaflosigkeit der Meister meiner Wahnvorstellungen war
Zu einer Zeit, in der ich das Maß meiner Existenz nicht kenne
Imaginäres Erwachen in einem unendlichen Nebel
In welcher Welt bin ich? Angekettet in meinen Gedanken
Illusion brach die Dämmerung meiner Seele
Wütend schreiend: „Ich bin der Herr der Dunkelheit
Ich begleite dich auf deiner weißen Reise in Richtung Abgrund des Verlustes
Zu diesem Land, das keine Liebe und kein Leben kennt
In einer verlorenen Zeit, die nie erwähnt wird
Eine stürmische Stimme wollte mir den Atem rauben
Verlass mich, denn du bist der Träger des Schwertes des Hasses und der Dunkelheit
Nichts in meinen Träumen bringt dich meiner Welt näher
Der Welt der Liebe und des Friedens
Mein Licht ist strahlend, es wird deine Dunkelheit und Schatten verzehren.

Abdulaziz Shabakouh

(Original in Englisch, Übersetzung von mir. Die Durchstreichung der Überschrift stammt von Aziz.)

Eine seltsame Koinzidenz: Gestern Nachmittag habe ich eine klanglich verbesserte Version des Stückes erstellt, die ich heute zu diesem Beitrag veröffentlichen wollte. Letzte Nacht schrieb mich dann unerwartet der Dirigent an, der Aziz‘ Sinfonien uraufgeführt hat. Es besteht die Möglichkeit, dass der Psalm vom selben Dirigenten und Orchester am selben Ort (in der Aram Khachaturian concert hall) uraufgeführt wird. Daher belasse ich erst einmal die erste Version.

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26 Gedanken zu „Du hast mir Antwort gegeben

      1. Sich auf jemanden einzulassen, dessen Kunst sich von der eigenen deutlich und in vielerlei Hinsicht unterscheidet, ist das Bewegendste, Mutigste und hinsichtlich kreativer Befruchtung Vernünftigste, was man tun kann, um sich selbst weiter zu entwickeln, zu reflektieren und aufgeschlossen durch das Leben zu gehen. Insofern: Aufhalten sinnlos 😂😆

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  1. Der Sicherheit und Enge entsagt der Geist, vertraut sich der Reise ins Ungewisse an, auf dem fliegenden Teppich, ausgesetzt den Unbilden, scheut weder Fall noch Aufstieg, taucht ein in das Dunkel tausend und einer Nacht, getragen von der Dämmerung des Ewigen, es gleichzeitig durchschreitend, ins Licht, glimmender Schimmer….

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  2. Lieber Stefan, Ich habe es bis zum Ende angehört und finde, es klingt eine wenig gruselig und dunkel. Es erinnert mich an die post mortem Fotografie der viktorianischen Zeit. Beim Anschauen der Bilder, zusammen mit der Musik, ist es ein leichter Schauer, der mir den Rücken herunterläuft.

    Verzeih mir bitte, aber von Musik habe ich keine Ahnung. Es sind nur Empfindungen, nichts weiter. Ich freue mich über Deinen Erfolg. Liebe Grüße an Dich, Gisela

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  3. Das ist in der Tat ein faszinierendes Werk, das für einen Dornröschenschlaf zu schade ist. Ich würde mich sehr freuen, wenn es mit der erwähnten Uraufführung klappen würde. 🙂

    Meine Bilder zur Musik sind die eines Königs in einem Eis-Schloss. Sein ist ein kaltes, starres Reich. Es gibt ihm Halt und zumindest kann man sagen, dass es ein Reich der stabilen Verhältnisse ist. Auch hat das Eis durchaus seine faszinierende Schönheit. Aber er ist in diesem Reich erstarrt und kann die Schönheit nicht er-leben. Sein Verstand sagt: so ist die Welt und so ist sie in ihrer Ordnung. Aber sein Herz träumt Leben. Und, siehe, es kommt der Tag, an dem dieser Traum sich erfüllt. Die Welt wird lauter Licht und Wärme. Das Eis zerfließt und die grössten Brocken bersten. Sein „Reich“ ist dahin – aber der Reichtum seines Lebens erwacht. Und sein Herz sagt: alles fließt – so ist die Welt und so ist sie in ihrer Ordnung…

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    1. Ganz lieben Dank! 🙂
      Auch deine Bilder können eine Facette des Psalms und der Musik sein. Die Antwort im Psalm auf die Verlassenheit von allem wäre dieser Traum, der das Leben zurück bringt und es erfüllt. Ganz lieben Dank dafür!
      Einen schönen Abend und liebe Grüße an dich! 🙂

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  4. Stefan, das Werk hält den Spannungsbogen ‚Leben‘ gefangen. Es geht tief, lässt viel Raum für Licht und Schatten, hält Leere fest, füllt sie auf, macht die Gedanken sensibel, peitscht sie auf. In mir deutet es Schreie an und bringt den Herzschlag auf Tour. Und immer wieder breitet sich Ruhe in allem aus…
    Ich habe es nun schon zum dritten Mal angehört, ich muss es immer erst sacken lassen…
    Herzlichst, Edith

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    1. Liebe Edith,
      ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… Es berührt mich sehr, dass du das Stück schon dreimal gehört hast, und wie du es wahrnimmst. Meine Vertonung beschränkt sich auf den Grundpsalm (Verse 1-22), dessen „innere Elemente“ du wohl wahrnimmst.
      Von Herzen meinen Dank, und ganz liebe Grüße an dich!

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