Madeleine

Sie hatte das Leben geprobt. Doch die Aufführung war nicht gelungen. Eigentlich wusste Madeleine, dass sie davor nicht davonlaufen konnte. Warum also war sie in diese Stadt gefahren? Ausgerechnet Paris. Weil sie immer schon mit ihm dort hin wollte? Jedes Ja verstand er einzutrüben bis es in einem Nebel diffuser Empfindungen verschwand. Wie hatte sie nur so blind sein können? So viele Jahre. Oft genug war in ihr die Erkenntnis aufgeflackert, dass er nicht sie liebte, sondern nur das Gefühl von ihr geliebt zu werden. Doch es war eben nur ein Flackern, das bald schon wieder überstrahlt wurde von dem Licht seines grandiosen Schauspiels. Oft genug hatte er für einen kurzen Moment seine Bühnenmaske abgenommen. Doch vor dem, was sie dann hätte sehen können, hatte sie lieber die Augen verschlossen.

Madeleine war kalt. Auch der heiße Tee konnte sie nicht wärmen. Nun saß sie in diesem Hotel und konnte nicht schlafen. Überhaupt konnte sie in den vergangenen fast zwei Jahren nicht mehr richtig schlafen. Erschöpft war Madeleine, unendlich müde. Und dennoch konnte sie nicht schlafen. Viele Nächte seitdem hatten sie Albträume heimgesucht, hatte er Madeleine heimgesucht, um mit den Scherben ihrer zerbrochenen Träume ihr Rückgrat zu durchtrennen.

Madeleine saß auf dem Bett ihres Hotelzimmers. Die Leere saß wie immer neben ihr und zündete ihr eine dieser schwarzen Zigaretten an. Der Rauch quoll aus Madeleine als würde verbrannte Erde in ihr glimmen; eine Glut der Unruhe, die niemand bemerkte, der ihr nicht mehr als flüchtig in die Augen sah.

Wie jeden Abend sah Madeleine andere Menschen nur, wenn sie auf der Fensterbank saß und hinausschaute. Doch das Leben da draußen war für sie nicht länger mehr als eine unnütze Kulisse. Es würde keine Aufführung mehr geben. Der einzig mögliche Zuschauer befand sich in diesem Hotelzimmer, eine fremde Frau im Spiegel. Lange sah Madeleine sich diese Frau dort gegenüber im Spiegel an, die schließlich irgendwann zu ihr sprach: „Madeleine, eine von uns beiden muss nun gehn.“

(Bei diesen Worten fiel Madeleine ein deutscher Schlager und ein Berg von Rosen ein. Sie musste schallend loslachen und alles war gut, weil der Autor dieser Geschichte ein Happy End wollte.)

34 Gedanken zu „Madeleine

  1. Nette kleine Story. Reizt zum Weiterschreiben.
    Außer dem temporären Weglachen ihrer Probleme hätte sie noch den bösen Spiegel zum Fenster raus werfen können; hülfe aber auch nur kurzfristig, also letztlich langfrustig. Jenen Ihn könnte sie nach dem Demaskieren aus ihrem Leben entfernen und bei der Gelegenheit auch mit dem Rauchen aufhören. Wäre ein hübscher Zeitpunkt gewesen.

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    1. Herzlichen Dank für deine Kommentare! In manchen Leben gibt es manche Konstellationen und Verfassungen, die sich manchmal nicht so einfach lösen lassen.
      Über Madeleine kann ich mir kein Urteil erlauben; verdenken kann ich ihr nicht, dass sie geliebt werden möchte.

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  2. Gleich noch ein Nocturne. Zumindest für mein Empfinden. Aber dieses wirkt viel ruhiger – allerdings zumindest auf mich durchaus nicht meditativ. In gewisser Weise wirkt es auf mich, als hätten sich Gedanken und Gefühle darauf verständigt, sich im Unbequemen bequem einzurichten. Sie stacheln sich nicht gegenseitig zu wilden Eskapaden an. Doch die Ruhe erscheint mir trügerisch. Sie wirkt auf mich eher wie eine Unruhe, die temporär keine Lust hat, unruhig zu sein. Ich könnte mir das übrigens sehr gut ein einem größeren Kontext vorstellen. Vielleicht viersätzig mit jeweils folgender Grundstimmung:
    I – Die unerlöste Unruhe
    II – Die unerlöste Ruhe (dieses Stück hier)
    III – Die erlösende Unruhe
    IV – Die erlöste Ruhe
    Damit will ich freilich nicht sagen, dass dieses Stück nicht auch sehr gut als „Solitär“ zur Geltung kommt. Das sind einfach nur Gedanken, die sich beim mehrfachen Hören herauskristallisiert haben.
    Mit einem herzlichen Nachmittagsgruß 🐻‍❄️

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    1. Volltreffer gelandet, lieber Random. Bis gestern Abend hieß das Stück noch „Nocturne II“. Und zwar nicht nur das Stück, sondern auch Text und Video sollten so heißen. Denn zum ersten Mal habe ich nicht das eine zum anderen hinzugebastelt, sondern Text, Musik und Video gleichzeitig erstellt; Stück für Stück haben sich die drei gegenseitig geformt (auch das Video ist aus mehreren [im Original farbigen] Einzelvideos der talentierten Künstlerin editiert und montiert).
      Und auch deine Wahrnehmung der Musik trifft es. Ich wollte versuchen auszudrücken, wie die fiktive Protagonistin ihre durch ein bestimmtes Beziehungsgeschehen entstandene Depression erlebt, die Traurigkeit, die Leere, die innere Unruhe. Die scheinbaren Paradoxien, die du formulierst („es sich im Unbequemen bequem machen“, „die Ruhe, die wirkt wie eine Unruhe, die temporär keine Lust hat, unruhig zu sein“) gehören zu diesen Zuständen. Unruhe in der Leere.
      Dein 4-sätziges Konzept ist genial. Das müsste man tatsächlich mal umsetzen. Dieses Stück hier ist in meinen Augen allerdings nicht gehaltvoll genug dafür (es ist ja quasi nur eine Filmmusik).
      Ganz herzlichen Dank, lieber Random, und liebe Grüße an dich! 🙂

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      1. Lieben Dank für deine informationsreichhaltige Antwort. 🙂
        Es wirkt auch alles wie aus einem Guss. Ich habe sogar getestet, ob die Musik anders wirkt, wenn man sie bilderlos hört, was allerdings nicht der Fall ist. Und ich habe mich auch gefragt, wie hier eines zum anderen gefunden haben mag.
        Am Anfang war für mich einfach eine gewisse Ambivalenz spürbar, die ich in diesen scheinbaren Paradoxien etwas konkreter formulieren wollte.
        Für mein Empfinden könnte das Stück schon als 2. Satz passen. Es könnte allerdings bei der Verwirklichung eines 4-sätzigen Konzeptes schon geschehen, dass hier etwas adaptiert und dort etwas modifiziert werden müsste, bis am Ende ein völlig neues Stück geboren ist. 😀

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      2. Die Ambivalenz kann ich nachvollziehen… Ich bin da zwangsläufig in eine bestimmte Perspektive geklemmt. Wenn ich die Musik ohne Bilder höre, sind die Bilder innerlich automatisch mit da, wie auch der Text.
        Vielleicht müssten es 4 Miniaturen sein. Im Video ist die Musik ja einmal wiederholt, das könnte man weglassen. Man müsste es mal ausprobieren.
        Ganz lieben Dank! 😀

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      3. Sogar wenn man das von außen neu kennenlernt, muss man frühzeitig daran denken, mal zu testen, wie die Musik allein wirkt. Sobald man sich näher mit Bildern und Text befasst hat, lässt sich das nicht mehr wirklich ausblenden.
        Ja, das käme auch stark auf die übrigen Sätze an. Möglicherweise könnte es auch funktionieren, wenn 1 und 3 lebhaft und kurz sind und 2 und 4 ruhiger und deutlich länger. Wobei 2 sich eben im Kreis dreht und wiederholt und 4 dann gehaltvoller ist und sich auch entwickelt. Denkbar wäre, dass die Wiederholung bei 2 nach einiger Zeit ins Stocken gerät und unvollendet unmittelbar in 3 übergeht. Der Möglichkeiten gäbe es viele. Zum Glück ist es dann oft so, dass in der Praxis die Eigendynamik eines Projektes ein Wörtchen mitredet… 😉

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      4. Absolut. Wenn eine Oper auf CD nicht wirkt, dann hilft das Bühnenbild auch nicht mehr.

        Das sind viele sehr gute Vorschläge. Ich habe mir das mal abgespeichert. Vielleicht/Hoffentlich fällt mir etwas ein (hab aber noch einen „Auftrag“ dazwischen). Das wäre eine tolle Kooperation. Ganz herzlichen Dank, lieber Random! 🙏🙂

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      5. Try and error gilt auch in den Künsten. Deine Ideen sind jedenfalls großartig. Wenn es nicht funktionieren sollte, dann nur, weil ich nicht vermochte, sie umzusetzen. (Ich frage mich übrigens, ob du Künstler bist.) 🙂

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      6. Manchmal sind solche Ideen auch als Initialzündung gut – und es entwickelt sich dann etwas völlig anderes.
        Was den Künstler betrifft, könnte man es so formulieren: mein „Werkkatalog“ ist in jedem Schreibwarenladen zu finden. Aufgrund der permanent gähnenden Leere seiner Seiten wird er allerdings als „Notizbuch“ angeboten. Schreibwarenhändler sind da etwas eigen… 😉

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  3. So viele berührende Eindrücke auf einmal! In Wort, Bild, Video und deiner herrlichen Musik!
    Hängen geblieben bin ich dann bei diesen variationsreichen und differenziertem Zusammenspiel des Klavier und der Violine. Das Klavier bleibt für mich mehr an der Oberfläche, die Violine zieht in schmerzhafte Höhen und weite Tiefen und , auch wenn es später beginnt, das letzte Wort. (das hätte ich sehr vermisst!)
    Bravo!!! Liebe Grüße an dich, Petra

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    1. Ganz herzlichen Dank, liebe Petra!
      Du hast wieder tief zugehört. In der Tat sind musikalisch hier zwei Ebenen, die kaum miteinander etwas zu tun zu haben scheinen, und doch aufeinander bezogen sind und auch immer wieder mal zusammenfinden. Dieses scheinbare Paradox, das auch bei Random zur Sprache kam.
      Dankbare und liebe Grüße an dich!

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