Der vergessene Sinn

Ein völlig unwichtiger Beitrag.

Es mag viele Gründe geben, mit dem Älterwerden zu hadern. Doch wenn ich mich in den Komponistenforen bei Facebook oder in der zeitgenössischen Klassikszene bei YouTube so umschaue, bin ich heilfroh, schon eine Reihe von Jahren der Gruppe der „Best Ager“ anzugehören.

Vielleicht die meisten der jüngeren Komponisten – gleich, ob Profis oder Amateure – haben Ambitionen und sind daher sehr darauf bedacht, wie sie angesehen werden, buhlen um Aufmerksamkeit, werben manchmal peinlich penetrant für ihre YouTube-Kanäle. Viele puschen ihre Views und Likes mit SEO, bezahlten Profis und YouTube-Bots.

Der belgische Komponist Stéphane Collin ist seit 40 Jahren im Geschäft und schrieb mir in einem Gedankenaustausch einmal: „Es ist seltsam, als Künstler sind wir entweder fantastisch oder gar nichts, je nachdem, wer uns beurteilt.“ Für die junge, beginnende Generation scheint eher zu gelten: „… je nachdem, wie viele uns klicken und liken“.

Vor allem aber scheinen sich die jungen Komponisten musikalisch der Seriosität verpflichten zu müssen. Der reine Spaß lässt missen, und Humor ist in den Kompositionen extrem selten. Schätze, als junger Mann war ich – was die Musik betrifft – nicht anders.

Damals gab es noch kein YouTube und Facebook. Zum Glück. Vielleicht wäre ich sonst auf der selben Welle der quantitativen Maßstäbe geritten. Nun bin ich ein älterer Mann, muss mir um Karriere keine Gedanken machen und kann meinen Ruf verspielen so oft ich will. Ein Vorteil des Älterwerdens.


Als ich dieses Stück mit dem seltsam langem Titel vorgestern Abend nach dessen Fertigstellung zum ersten mal auf dem Smartphone hörte, war ich wieder einmal entsetzt. Das, was da so scheußlich erklang, war nicht das, was ich komponiert hatte. Also mischte ich es gestern Abend „smartphonegerechter“ neu ab. Doch es klingt immer noch nicht so, wie es soll, wie das eigentliche Original über meine am PC angeschlossene Musikanlage klingt. Kopfhörer am Smartphone machen es immerhin ein deutliches Stück besser. Aber wie kommt das? Den Herstellern der Smartphones war es gelungen, trotz der geringen Größe die Kamera immer mehr zu optimieren, und die Dinger sind heute von einer fantastischen Qualität. Es muss doch in Zeiten von ersten Quantencomputern und Roboterinnen* auf dem Mars möglich sein, auch den Sound von Smartphones (ohne Verwendung von Kopfhörern) deutlich zu verbessern. Naja, beim Setzen von Schwerpunkten hat man nicht immer alle Sinne beieinander. Und vielleicht ist Computeringenieuren der Hörsinn nicht so wichtig.
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*Gendertribut

27 Gedanken zu „Der vergessene Sinn

  1. Zunächst einmal zum Text:
    „Es ist seltsam, als Künstler sind wir entweder fantastisch oder gar nichts, je nachdem, wer uns beurteilt.“
    Ein Elektronikkünstler und DJ, den ich nachwievor gut finde, ist der NY und Exchilene Nicolas Jaar.
    Er verfasste einen Song „Don’t belive the hype“.
    Er war und ist sehr gut, aber das alleine…bedeutet nichts.
    Nico Jaar hat nicht versucht, den Hype von vor gut 10 Jahren zu konservieren. Es hätte eh nix genutzt.
    Nun sind myriaden anderer dran, sich um HJype zu bemühen.
    .

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  2. Klingt sehr klassisch…
    Die unterschiedliche QWualität, je Medium, auf dem es abgespüielt wird, ist eigentlich nichts Neues.
    Vor 20 Jahren wollte ein Freund mir Boxen verkaufen, auf denen man tatsächlich Nuancen hören konnte, die auf anderen nicht zu hören waren. Sozusagen kamen auf diesen Inhalte von CDs nicht adäquat rüber.
    Nun denn…
    Ich vergleiche das auch mit Malerei und Print: Schon oft erwäghnt, daß Opernlogenbilder von Edward Hopper sehr unterschiedlioch gedruckt wurden. Das fiel mir gerade beim Origional in Köln auf. Ich hatte so DREI Versionen ein und desselben Bilds. Wobei zu sagen ist, daß Hoppers dunkle schwere Blau eine klare Intention hatte, die auf den Prints weg war.

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  3. Ich bin ein Musikliebhaber seit jeher, besitze über 4000 Cds, wobei ich in letzter Zeit kaum mehr etwas kaufe.
    Musik mache ich im Blog kaum publik, weil ich damit nicht unbedingt gute Erfahrungen gemacht hatte.
    Es gibt 1001 Geschmäcker und auch Voreinstellungen, was man zu hören bereit ist.
    Das gilt es zu würdigen.

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  4. Klingt für mich wie ein erbaulicher Spaziergang mit Fellnase – und also naturgemäß mit einigen überraschenden Wendungen. 😉 Die Orchestrierung evoziert zudem die Vorstellung einer abwechslungsreichen Landschaft. Die Musik hat ihren eigenen Nährwert und eine gemütsaufhellende Wirkung. Damit harmoniert sie sehr schön mit dem, was ein nicht namentlich genannt werden sollender Weiser (*hüstel*) einst gesagt hat: A cheerful tune a day surely keeps the doc away. 😀
    Mit einem fröhlichen Abendgruß 🐻

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    1. 😂 Wahrlich weise Worte eines Weisen!
      Herzlichen Dank, lieber Random! In der Tat war die Fellnase der Ausgangspunkt (anstehender Jahrestag), daher wohl auch die gemütsaufhellende Wirkung. Aber dann war das Stück schon nach zwei Stunden fertig, statt wie geplant in zwei Wochen.
      Ganz lieben Dank und liebe Abendgrüße auch an dich! 🙂🐾

      Gefällt 3 Personen

  5. Um Deinen musikalischen Ruf mußt Du nicht mehr fürchten? 🙂
    Entschuldigung, ist es so schlimm in der jungen musikalischen Szene?
    Auf jeden Fall finde ich Deine Komposition ganz wundervoll fidel und mit sommerlicher Freude gefüllt.
    Wer die Gabe hat, solche Kompositionen erfinden / komponieren zu können, muß doch ein glücklicher Mensch sein, lieber Stefan.
    Liebe Grüße aus der *südlichen* Hitze von Bruni

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    1. In dem Sinne, liebe Bruni, dass ich nicht gewissen Ansprüchen genügen müsste, dass ich stets ernste, große Musik schreiben müsste. Ich muss nicht darum kämpfen, dass mich Konzertveranstalter, Filmemacher oder Verlage entdecken. Wenn mir danach ist, kann ich auch einfach nur ein Späßchen machen, auch wenn manche andere dann mitleidig die Nase rümpfen, weil kein hoher künstlerischer Anspruch dahinter steckt.

      Zu der Szene: Natürlich sind nicht alle jungen Komponisten so, aber es ist doch eine große Welle. Die technischen Möglichkeiten, die das mitbegründen, sehe ich aber positiv. Die jungen Leute können ihre Musik dadurch der ganzen Welt zeigen (ich ja auch), und das ist großartig. Das ging damals nicht, als ich in den 1980er Jahren Komposition studierte. Da war mal ein Konzert, aber ansonsten hat man für die Schublade geschrieben. Mit dem Feedback, dass die heutige Software, das Internet und die Vernetzung ermöglicht, macht es doch deutlich mehr Spaß zu komponieren, und man lernt auch schneller.

      Ich freue mich sehr, dass dir mein kleines Stück gefällt. Ganz herzlichen Dank! 🙂
      Liebe Grüße an dich aus dem kühleren Norden!

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  6. Übermütig und lebensfroh kommt deine Musik daher und steckt damit an !
    Ich sehe dich und deinen Hund mit großem Gleichklang und gleichen Rhythmus zusammen durch die Welt ziehen, schwungvoll, tanzend , Euch drehend mit vie lSchbernak im Sinn. Zwischendurch scheint Hailey etwas zu wollen, zupft an dir rum, springt an dir hoch und bekommt am Schluss,was sie will. Ein verspieltes Team! Und schön, wennGelassenheit mit dem Älterwerden kommt ! Ob Haily diese chon immer kennt? Liebe Grüße an dich, Petra

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    1. Was für ein schöner Kommentar! Und ja, manchmal läuft es tatsächlich so ab. Haily ist in der Tat meist gelassen, und oft auch ausgelassen. Aber leider hat auch sie ihre Ängste und Traumata (wobei ich die Geschichte dahinter nicht kenne). Das ändert jedoch nichts an unserem Glück. 🥰 Ganz herzlichen Dank, liebe Petra, und liebe Grüße an dich!

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  7. Im Kunstbetrieb sehe ich auch überwiegend bierernstes Erfolgsstreben. Da ist wenig Platz für Ironie, man will eher nicht anecken, und noch weniger für Selbstironie, man will sich ja nicht selbst demontieren – von was auch immer. 😁 Besonders beeindruckend sind jene Kulturfreaks, die sich in Blogs und Social Media austoben, aber den Gebrauch von Emojis als künstlerischen Bankrott erklären.

    Für mich eine perfekte Filmmusik zu einer Szene, wie jemand durch eine Stadtlandschaft stolpert.
    LG Tom

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    1. Du sagst es. Aber vielleicht gilt das ja generell für alles Professionelle – von Comedians mal abgesehen.
      Von der Emojisache habe ich noch nicht gehört. Da bin ich ja schon lange künstlerisch insolvent. 😂
      Auf eine Stadtlandschaft wäre ich nicht gekommen. Aber ja, warum nicht.
      Herzlichen Dank, Tom, und liebe Grüße an dich! 🙂

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