Nur heute


Mein Onkel war selber erst Mitte zwanzig, als er mir dieses Gedicht zu meinem ersten Geburtstag schrieb. Der zweite Weltkrieg war gerade mal vor zwei Jahrzehnten zu Ende gegangen, und mein Onkel hatte zusammen mit meiner Mutter und weiteren Geschwistern als Kind die Bombennächte, die Vertreibung aus Schlesien, Armut und Hunger erlebt. Sein Vater, mein Großvater, war wegen Äußerungen gegen Hitler im KZ gewesen, und hatte auch in der jungen DDR nicht geschwiegen, so dass es zur erneuten Flucht nach Westen kam. Nun ging es im sogenannten Wirtschaftswunder aufwärts, und in diese privilegierte Zeit, zwanzig Jahre nach Kriegsende, wurde ich hineingeboren, in Freiheit und Wohlstand. Man durfte offen seine Meinung sagen, ohne eingesperrt zu werden, konnte ohne Angst vor Bomben abends zu Bett gehen und musste nicht hungern. Dieses Privileg war uns in der Kindheit nicht bewusst, aber unseren Eltern, und meinem Onkel, und ihr Bewusstsein prägte mich bis heute.

„daß nimmer du knechtest den Bruder, die Schwester, das eigene Sein in Banden gefangen der Mächte, die selbst du aus Träumen schufst.“

Auch in Russland schienen nach dem Zerfall der Sowjetunion Freiheit und Wohlstand zu beginnen. Es war nur ein kurzes Aufblühen, und nun sind es der irdischen Götter Mächte, die den Blumen höhnen, düst’re Geschicke bringen und die Welt in den Staub treten. Es ist Krieg. Nicht nur in der Ukraine. Auch gegen die Bürger Russlands durch ihr eigenes Regime. Verbal gegen den Westen, und seitens des Westens wirtschaftlich gegen Russland. Und selbst in unserem eigenen Land teilweise gegen Russen, nur weil sie Russen sind; gegen Migranten, weil sie Migranten sind; gegen Muslime, weil sie Muslime sind; gegen Juden, weil sie Juden sind; gegen Menschen anderer Hautfarbe, weil sie anderer Hautfarbe sind; gegen Frauen, weil sie Frauen sind; gegen Männer, weil sie Männer sind; …

Achten wir darauf, welche Mächte wir aus unseren Träumen erschaffen. Achten wir darauf, welche Mächte uns gefangen nehmen. Achten wir darauf, niemals Bruder und Schwester zu knechten. Achten wir darauf, nicht auf die Blüten der Liebe hinab zu sehen. Achten wir auf die Blumen in staubiger Welt.


Zu dem heutigen Text habe ich von meinem Orchesterstück, das ich vor zwei Wochen hier vorstellte, einen Klavierauszug für zwei Klaviere gefertigt, und versucht, die Aussage bildlich umzusetzen. Lass uns die Hand reichen, lass uns gemeinsam die gleichen Harmonien spielen. Nur heute. Vielleicht gelingt es irgendwann auch morgen.

#artsforpeace

35 Gedanken zu „Nur heute

    1. Vielen Dank, liebe Gerda!
      „…warum erschaffen wir nicht eine Welt des Friedens und der Liebe?“ Deine Frage und mein Wunsch sind leider nicht jedermanns Frage und Wunsch. Deswegen ist es neben der Achtsamkeit auf unser eigenes Streben auch wichtig, rechtzeitig darauf Acht zu geben, wem wir Macht geben.

      Gefällt 3 Personen

      1. Das stimmt. Die richtige Wahl hängt davon ab, ob die richtige Aktion vor der falschen Reaktion steht; sie hängt vom Ziel genauso ab wie von den Mitteln. Die richtige Wahl muss dafür rechtzeitig als Prozess verstanden werden.

        Gefällt 2 Personen

    1. Was für ein schönes, wertvolles Geschenk des Onkels! Herzlichen Dank fürs Teilen! Bin etwa im gleichen Alter und ich trage auch vieles im Herzen, was mir ältere Verwandte oder Lehrer ins Poesiealbum geschrieben haben.

      Gefällt 2 Personen

  1. Lasst uns die Hände reichen
    hier und jetzt
    für Stunden und Sekunden
    auf ewig verbunden

    Ob schwarz, ob weiß
    groß oder klein
    verbunden sein
    so möge es sein

    So groß die Welt
    und doch vereint
    im hier und jetzt
    einzig was zählt

    Dein Beitrag berührt sehr Stefan.
    Ich schicke dir ganz liebe Grüße.💕🍀

    Gefällt 4 Personen

  2. Sehr ergreifend lieber Stefan.
    Warum, das frage ich mich auch immer wieder…warum quälen sich Menschen, warum zerstören sie…ist ihnen die Liebe so sehr abhanden gekommen?
    Möge es heute, morgen und jederzeit gelingen.
    Liebe Grüße Ariana

    Gefällt 2 Personen

    1. Herzlichen Dank, liebe Ariana!
      Leider habe ich im Leben erfahren, dass es Menschen gibt, denen Liebe und Mitgefühl gänzlich fehlt. Umso wichtiger, dass es immer mehr Menschen gibt, die offen für Liebe und Mitgefühl einstehen, damit Hass und Kälte immer weniger eine Chance haben. Ja, möge es heute, morgen und jederzeit gelingen.
      Ganz liebe Grüße an dich!

      Gefällt 3 Personen

  3. Lieber Stefan, ich habe das wunderbare Gedicht Deines Onkels mehrmals lesen müssen. Seine Worte berühren mich sehr! Passend die Musik dazu. Danke dafür!
    Was bedeutet schon „Macht der irdischen Götter“?! Wie gerne wären sie unsterblich und sind es auch durch ihre Taten. Herodes ist allgegenwärtig und tötet immer noch die Kinder (Seelen) in uns.
    Alles Liebe und herzliche Grüße, Gisela

    Gefällt 1 Person

  4. Wie wundervoll, einen Onkel zu haben, der einem zum 1. Geburtstag ein solches Gedicht schreibt.

    * Es ist Krieg. Nicht nur in der Ukraine. Auch gegen die Bürger Russlands durch ihr eigenes Regime. *
    Und nicht nur das, Krieg in den Herzen und überall in der Welt. Krieg ist Krieg, ob im Kleinen oder im Großen—
    Warum ist der Mensch bloß so?
    Dein Musikstück passt gut und es gefällt mir sehr.

    Ganz herzlich, Bruni

    Gefällt 1 Person

    1. Er war mein Lieblingsonkel, ein wunderbarer Mensch.

      Ja, liebe Bruni, Krieg in den Herzen. Manchmal denke ich, es wird immer mehr. Aber vermutlich war es schon immer so, und ich nehme es nur eher wahr als früher.

      Von Herzen meinen Dank, und ganz liebe Grüße an dich!

      Gefällt 1 Person

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