Der vergessene Frühling

Ihre Vettern. Einer in der russischen Armee. Einer in der ukrainischen Armee. Nun sollen sie auf einander schießen.

Mit dem, was sie mir alles erzählte, kam ich von der Arbeit nach Hause. Nachrichten und Sondersendung einschalten, mich auf den aktuellen Stand bringen. Zugeschnürte Kehle. Laufende Tränen.

Abschalten. Irgendeinen Film sehen.

Albträume in der Nacht. Wach liegen.

Wenig zu sagen. Viel zu schweigen.

12 Gedanken zu „Der vergessene Frühling

  1. Lieber Stefan
    Du musst versuchen dich ein wenig von diesem Wahnsinn abzugrenzen.
    Wir Hochsensiblen können nicht allein dieses Leid der Welt tragen, sonst gehen wir daran kaputt. Schaue und höre dir die Nachrichten nur wohldosiert an. Helfe, wenn es dir ein Bedürfnis ist, aber trage diesen Schmerz der Anderen nicht mit dir herum.
    Denke an Haily und deine Familie, sie brauchen dich auch noch.
    Ich schicke dir eine mitfühlende Umarmung.
    Nati 🍀💕

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  2. Starkes Stück!

    Ich kann das auch nicht so stark an mich ranlassen. Bin eh ein ängstlicher Mensch.
    Ich denke dieser Tage auch an meinen Vater…Der einiges mitgemacht hatte. Wir als Kinder damals wollten seine Erzählungen bald nicht mehr hören. Weil sie sich immer wiederholten.

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  3. Für mich ist es ganz bemerkenswert, wie hier verschiedene Schichten spürbar werden, die in der Partitur auch optisch wie auf einem Präsentierteller erscheinen. Für mein Empfinden wirkt die linke Hand des Klaviers wie das Tagesbewusstsein. Dieses kreist sozusagen um ein wiederkehrendes Thema. Die teilweise „zentnerschweren“ Akkorde verdeutlichen, dass es eben kein leichtes Thema ist. Dieses Tagesbewusstsein hält aber auch immer wieder lauschend inne. Denn in den Streichern regen sich verborgene Ängste und/oder vergessene Traumata. Auch hier stimmt die Optik mit der Akustik überein. Denn die Violine steht der linken Klavierhand näher. Ganz faszinierend finde ich die Stelle um Takt 19 in der rechten Klavierhand. Sie klingt für mich wie ein Silberstreif – als nähme die Seele das Licht einer höheren Dimension wahr. Das setzt sich zwar nicht durch. Kurz darauf werden die schweren Akkorde noch einige Zentner schwerer. Der Silberstreif ist nicht mehr sicht- bzw. hörbar. Aber vergessen ist er nicht…

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    1. Vielen Dank für dein erneutes tiefes Einhören und Einfühlen, lieber Random. Ja, es sind in der Tat verschiedene Schichten, die auch verschieden assoziiert werden können. Den Gedanken mit dem Tagesbewusstsein finde ich sehr passend. Es lässt sich nicht abschalten, das Motiv kehrt immer wieder und hat etwas von einem Trauermarsch. Die Stelle um Takt 19 empfinde ich wie du, für einen Moment eine andere Sphäre, es ließe sich wie eine kurze Kontaktaufnahme gläubiger Leidender mit Gott deuten, um etwas Halt und Trost zu finden. Bei der zuvor leisen, hohen Wiederholung des Kernmotivs in der Violine (ja, sie steht wirklich der linken Klavierhand näher) sehe ich ein kleines Mädchen mit ihrem Teddybär. Der sofort folgende kurze Cello-Lauf wie ein Brüllen eines Offiziers im Befehlston (ich muss an dieser Stelle immer an den „Überlebenden aus Warschau“ von Schönberg denken). Die „zentnerschweren“ Akkorde die schwere Last, wie du es wahrnimmst, gleichzeitig auch wie in der Ferne einschlagende Bomben (hier denke ich immer an meine Tante, die noch heute – traumatisiert von den Bombenangriffen in ihrer Kindheit – mit Gewitter nicht klarkommt). Viele Schichten, wie auch das Leid aus diesem Krieg unendlich vielschichtig ist…
      Ich danke dir sehr, lieber Random.

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      1. Hab‘ ganz lieben Dank für deine ausführliche Antwort auf meinen Kommentar. Ja, da sind ganz verschiedene Assoziationen denkbar – für mich geht es so weit, dass man sich hier auch andere belastende Situationen vorstellen könnte: ein herber Verlust, eine schwere Krankheit…
        Das Trauermarsch-Gefühl hat sich bei mir auch eingestellt. Es wirkt zwar eher angedeutet, aber doch klar vernehmbar.
        Schönbergs „Überlebenden aus Warschau“ hatte ich übrigens vor einigen Monaten für ein Bild aus der Impuls-Werkstatt vorgesehen. Ich ließ es dann allerdings bleiben, weil es mir schlichtweg zu viel wurde. In gewisser Weise macht Instrumentalmusik es einem einfacher, weil man die Deutung ja selber steuern kann (wobei das manchmal freilich auch nahezu unmöglich wird). Ist auch ein Text da, gibt es sozusagen kein Entkommen.
        Mit einem lichtvollen Nachmittagsgruß 🐻

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      2. Richtig, Schmerz und Trauer ähneln sich oft, gleich welcher Ursache sie folgen.
        Schönbergs Überlebender bei WordPress wäre mutig. Es ist ein sehr beklemmendes Werk. In der Tat lässt Instrumentalmusik da mehr Freiheit, auch zum atmen, selbst wenn es dunkel sein sollte.
        Meinen herzlichen Dank an dich. 🙂 Hab einen schönen Abend!

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