Das verlorene Klavier

„Ich suche seit einem Jahrzehnt oder länger. Wo sind diese Jahre geblieben? Wann war ich zuletzt hier? Es sieht nicht mehr gleich aus, es sieht älter aus. Vielleicht sind nur meine Augen älter geworden.

Ich konnte auf diesen Seiten niemals irgendwelche Worte finden, nur Linien. Ich bin mir nicht sicher, ob Worte für mich von Nutzen wären. Jetzt sowieso. Da ist immer diese Musik, die ich hören kann. Ich habe sie schon so oft gehört, aber sie klingt nie gleich. Ich bin mir nicht sicher, ob sie jemand anderes hören kann. Ich würde gerne denken, dass sie nur für mich ist.

Lass mich dir von meiner Mutter erzählen. Ich versuchte, jedem Wort zuzuhören, das sie zu sagen hatte. Aber nun… Es ist nur, nun ist sie weg, und ich kann noch immer jedes Wort hören. Sie hat mir immer die Wahrheit gesagt, es war eine andere Art von Ehrlichkeit. Sie hat mir einmal gesagt: Memento mori – Gedenke, du wirst sterben.

Ich bin mir nicht mehr sicher, was noch zählt, ob irgendwas davon noch Bedeutung hat. Ich verbrachte zu lange damit, Leuten zuzuhören, die mir erzählen, dass ich nicht tun kann, was sie nie konnten. Zu langes Leiden an vorgestelltem Kummer, und Angst vor einer Zukunft, die nie Vergangenheit werden würde.

Zeit ist unendlich. Aber meine Zeit, meine Zeit ist es nicht. Das Leben könnte mich verlassen, in diesem Augenblick. Davor möchte ich keine Angst mehr haben. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich bin müde davon, Angst zu haben. Es ist dieser Weg, oder keiner.

Memento mori. Du wirst sterben.
Bis dahin tu einfach das Richtige. Mach einfach weiter.“

(Text des Kurzfilms „The Lost Piano“, Übersetzung von mir)

Meine 4. Filmmusik*.

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*Der Kurzfilm „The Lost Piano“ wurde für einen Kompositionswettbewerb in Filmmusik durch Westwood Instruments veröffentlicht (ich habe daran nicht teilgenommen) und steht nach Abschluss des Wettbewerbs nun seit kurzem bei The Cue Tube für Komponisten zur Vertonung zur Verfügung. Der Film hat mich bereits letztes Jahr beeindruckt. Mittlerweile habe ich viele der verschiedenen Filmmusiken dazu gehört, auch die der Gewinner des Wettbewerbs. Es sind viele gute Ideen und großartige Musiken dabei. Sie haben alle eine sehr ähnliche emotionale Basis, die aber seltsamerweise meinem eigenen Empfinden beim Ansehen des Films so gar nicht entspricht. Also habe ich mich nochmal an einer Filmmusik versucht, um mein eigenes Empfinden auszudrücken.

17 Gedanken zu „Das verlorene Klavier

      1. Dies ist die schlimmste Angst!!! Mögen die Köpfe hell und klug werden, damit endlich auch dort durchdringt, dass Frieden immer die beste Lösung ist.
        Ich danke dir fürs Antworten und wünsche auch dir feine Wochenendstunden.

        Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, Nati!
      Wenn man mit Komponieren Geld verdienen muss/möchte, dann habe ich Verständnis für die Teilnahme an Wettbewerben. In der Musik (in den Künsten) ist für mich ansonsten Wettbewerb fehl am Platze. Und da ich mit meiner Musik kein Geld verdienen muss/möchte, kann ich mir den Luxus eines solchen Denkens leisten.
      Liebe Grüße auch an dich! 🙂🐾💫🎶

      Gefällt 3 Personen

      1. Ob in diesem Fall ein Geldpreis ausgelobt war, weiß ich gar nicht. Aber so ein „Sieg“ macht bekannt und ist wichtig für das eigene Portfolio. Und das wiederum erhöht die Chancen zum Geld verdienen. Die berufliche Seite der Kunst ist so ’ne Sache.
        Manche haben vermutlich nur zum Spaß mitgemacht. Ist auch okay.
        🙂

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  1. Sehr bemerkenswert finde ich, wie deine Musik aufmerksam dem Erzähler folgt und seine Welt plastischer erscheinen lässt, aber ohne ihm gleichsam ins Wort zu fallen. Dazu passt auch der Klang, der oft „anderweltlich“ wirkt. Die Abgründe, Erinnerungen, Ahnungen des Erzählers, die ja alle sehr präsent, aber letztlich doch nicht wirklich greifbar sind. Besonders aufgefallen ist mir hier auch die Stelle nach 1:40 – fast beiläufig wird dieses „…remember, you’re going to die…“ gesprochen, aber man spürt durch die Musik die Ahnung dahinter…
    Mit einem herzlichen Abendgruß 🐻

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    1. Das ist großartig, lieber Random, du hast den Schlüssel gefunden, der mir fehlte; das, was mein Empfinden so anders machte. Es sind die „Abgründe, Erinnerungen, Ahnungen des Erzählers, …“, die mir in den anderen Vertonungen fehlten (sie sind dennoch großartig!). Ich hatte also wieder mal keine Ahnung, was ich tue. Meinen herzlichen Dank!! Ganz liebe Grüße an dich! 🙂

      Gefällt 2 Personen

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