Der vergessene Himmel

Glaubst du an das Göttliche in jedem Menschen?

Eigentlich sollten nur die (rhetorische) Eingangsfrage und eine kleine Musik diesen Beitrag bilden. Doch beim Abendspaziergang mit Haily arbeitete etwas in mir, und zuhause nahm ich dann dieses Buch in die Hand...

Nur wenige meiner Leser wissen, dass ich viele Jahre zum Thema Mystik und Spiritualität gebloggt habe. Das hatte weniger einen rational interessierten Hintergrund, als vielmehr das Geschenk mystischer Erfahrungen über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren (bitte nicht mit mystizistischen Erfahrungen verwechseln). Den Blog musste ich offline stellen im Zusammenhang mit einem gewissen Geschehen.

Bis zu meinem 37. oder 38. Lebensjahr war ich praktizierender (kritischer) Katholik. Mit zunehmender Intensität der mystischen Erfahrungen passte die katholische Lehre immer weniger zu meinem Denken, bis ich irgendwann aus Respekt aus der Kirche ausgetreten bin. Ich wurde nicht ungläubig, sondern transkonfessional andersgläubig, und das war für mich mehr als Richtschnur für mein Leben, es war der Boden, auf dem ich stand. Es fing in den letzten Jahren an, dass dieser Boden nach und nach von Trümmern bedeckt und von Einschlagkratern durchlöchert wurde, bis mit dem erwähnten Geschehen schließlich alles verloren ging. Das Ringen um diesen Verlust haben einige von Euch auf meiner Musikseite bei der Entstehung meines „Psalm 22“ sehr innig begleitet – und das war eine ziemlich harte Phase.

Das eingangs erwähnte Buch ist „Evolution und Gottesfrage – Charles Darwin als Theologe“ des Religionswissenschaftlers Michael Blume (einigen Lesern ist er vielleicht schon mal im Fernsehen oder im Radio begegnet). Er hatte damals wohl gelegentlich in meinem Blog zur Mystik gelesen und mich irgendwann dann in seinem Wissenschaftsblog interviewt. So war unser Kontakt entstanden. Irgendwann schrieb er mir in einer E-Mail, dass ich in seinem jüngsten und gerade veröffentlichten Buch vorkäme. Ich kaufte mir das Buch, und fand mich ganz am Ende wieder: Die Schlusssätze stammten von mir (er zitierte mich). Nun las ich sie nach 9 Jahren zum ersten Mal wieder, und sie erschienen mir so fremd, als stammten sie nicht von mir… Vor 9 Jahren begann auch ein gewisses Geschehen, und schließlich befand ich mich ganz am Ende. Finde ich mich am Ende wieder?


Bin gespannt, wann YouTube das Video wegen anstößiger Darstellung von Gewalt löscht.

Bitte mindestens Kopfhörer benutzen.

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30 Gedanken zu „Der vergessene Himmel

  1. Ich glaube zwar nicht an das Göttliche in dem Menschen, sondern außerhalb dessen bzw. hoch über ihm und völlig andersartig von uns; aber ich habe immer hohe Achtung für jeden Sucher und schätze sehr, daß Sie diesen Beitrag heute mit uns teilen.

    Ich merke mir Michael Blume und sein Buch. Ich habe auch diesbezüglich viel gelesen im Laufe meines Lebens. Das Buch, das mich am tiefsten traf war „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft – von Abd-ru-shin.“

    Danke für das Teilen dieses Beitrags und, natürlich, für die schöne Musik 😊.

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    1. Che, darf ich als der vermutlich Ältere das Du anbieten?

      Ihre/deine Worte bedeuten mir sehr viel. Der große Respekt vor anderem Glauben war es, warum ich die Kirche verließ, statt mit einer anderen Sicht Unruhe zu stiften. So wie Sie/du achte auch ich jeden Sucher. Danke! ❤️
      Viele Menschen haben Schlüsselerlebnisse, sei es ein Buch, wie Sie/du, eine Erfahrung oder eine Begegnung. Wir sollten darauf Acht geben, die so geöffneten Türen nicht von der falschen Seite zu schließen, wie ich es tat. Ich wünsche Ihnen/dir Glück dabei, sie immer offen zu halten.

      Herzlichen Dank und liebe Grüße! 🙂

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      1. Vielen und herzlichen Dank für das Angebot. Das weiß ich sehr zu schätzen. Aber, Achtung! 😊: Ich mache sehr viel Gebrauch von Sie allerdings nicht aus Höflichkeit oder wegen des Alters, auf jeden Fall nicht nur, und nicht hauptgründig, sondern aus einem ganz anderen Grund. Ich finde, dieses Wort – und der ihm zugrunde liegende Begriff – wird zunehmend aus dem Sprachgebrauch hinausgedrängt, und zum Zweck einer starren Maske heruntergestuft.

        Dabei ist es sehr viel mehr – es ist die erste, offene und geräumige Brücke zwischen zwei Menschen, bietet Raum zum Entfalten und zum sich richtig kennen lernen ohne sich gegenseitig einzuengen – und bildet ein schönes Fundament. 😊

        Das ist der Hauptgrund hinter meinem Brauch 😊

        Es freut mich auch, wenn andere das machen und mit mir machen, denn es hat als Wort und als Begriff seine eigene sehr eigenartige und reichhaltige Schwingung.

        Auf jeden Fall bis man sich viel besser kennen lernt oder enger zusammen arbeiten muss usw.

        😊

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      2. Vielen Dank für das wohltuende „Sie“! Ich mag das ungefragte „Du“ auch nicht. Es täuscht Vertrautheit nur vor und engt ein. Das „Sie“ lässt mir Freiheit. Ich kann nicht verstehen, weshalb Andere das nicht zumindest ähnlich empfinden.

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  2. Hallo Stefan
    Wie du weißt bin ich nicht gläubig. Ich bin zu sehr Realist als dass ich mir da Oben jemanden vorstellen könnte. Auch wenn ich die Atmosphäre in Kirchen mag, diese respektvolle Stille.

    Bei einem Beitrag meinte Reiner einmal zu mir: Menschen wie du, die erklärtermaßen mit Gott nicht viel anfangen können, sind ihm möglicherweise in ihrer Menschlichkeit und Fähigkeit, mitzufühlen, näher als manch andere,die sich christlich nennen.

    Darüber denke ich seither öfter mal nach. Vielleicht ist er in jedem von uns. In unserem Tun und Sein. Jeder auf seine Art und jeder so wie er empfindet.

    Dein Musikstück gefällt mir sehr.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend.🐾🍀

    Liebe Grüße zu dir,
    Nati

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    1. Liebe Nati,

      da hat Reiner wohl Recht. Glauben haben und Glauben leben sind zweierlei, Mensch sein und Menschsein ebenso.

      Damals hätte ich gesagt, so wie du „vielleicht“, das Göttliche ist in jedem Menschen. Heute kann ich nur noch sagen, ich würde es gerne glauben. Dein „vielleicht“ ist jedenfalls kostbar.

      Ich danke dir von Herzen. ❤️
      Liebe Grüße an dich!

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      1. Zumindest glaube ich an das Gute im Menschen. Diesen Glauben möchte ich nicht verlieren, denn sonst wäre alles umsonst. Daran halte ich fest, trage es weiter, gebe jedem einen Vorschuss davon, auch im Wissen um all die Grausamkeiten da draußen.

        Vielleicht findest du dein Vielleicht irgendwann wieder, in dir. Das wünsche ich dir.

        Ich danke dir Stefan. 💕🍀

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    1. Das freut mich jetzt aber sehr, liebe Maria! 😊 Vielen Dank!

      (Weißt du eigentlich, dass auch wir uns von meinem früheren Blog „Sich und andere leben“ kennen, den ich ebenfalls offline stellen musste – wenn ich mich nicht irre?)

      Liebe Grüße an dich! 🙂

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  3. Tango…tangieren…
    Das passt auf jeden Fall trefflich zu dieser Eingangsfrage. Bei Tango tanzenden Paaren finde ich den Wechsel oft sehr auffallend zwischen der Innigkeit und den heftigen Bewegungen, bei denen man nie so ganz sicher ist, ob das nun vergebliche Versuche sind, sich voneinander loszureißen oder ob es eher darum geht, sich zusammenzuraufen und auf eine (vorsichtig ausgedrückt) herbe Weise die Innigkeit zu stärken. In deiner Musik finde ich viel von alledem: Innigkeit, losreißen, zusammenraufen, mehr Innigkeit…
    Auf deine Frage hätte ich früher geantwortet: definitiv ja – aber bei manchen ist es sehr, sehr gut verborgen. Heute würde ich noch hinzufügen: …oder es hat vielleicht eine Form, in der man es nicht erwartet und folglich nicht erkennt.

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  4. Puuhh, lieber Random. Du hörst womöglich tiefer und mehr als ich selbst. Das ist mir schon oft passiert, und meist behielten die Hörer Recht, nicht ich, der ich nur ohne Verstand schwarze Punkte auf weißem Hintergrund hinkliere und vermessen meine, ich wüsste was ich tue. Dein letzter Beitrag hat die Entwicklung des Stückes beeinflusst, ein Traum, ein gewisser Zufall, den du wahrnahmst, spielte da eine Rolle, auch die Größe eines gewissen Komponisten, der mich einen Gang zurück schalten ließ, beschämt nur spielen wie ein kicherndes Kind.
    Erhalte dir bitte deine Antwort auf meine Frage. Sie ist allemal besser als meine Antwort.
    Sehr dankbar grüße ich dich.

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    1. Es ist auch ein Privilegium der Zuhörenden, sich einfach ganz auf die Musik konzentrieren zu können. Für den Komponisten gehört zum Opus, dem Werk, eben auch das Werk-Zeug, die Kenntnis dessen, wie man etwas musikalisch gestalten kann. Da kann es durchaus geschehen, dass der Schatten des Werkzeugs den Blick auf das erschwert, was in der Musik alles mitschwingt. Da kommt dann auch die Eigendynamik ins Spiel, die bei kreativen Arbeiten gerne ein Wörtchen (oder ganze Sätze) mitredet. Und ich finde es sehr schön, dass deine Musik auch ohne Bach-Bett ihren ganz eigenen Weg gefunden hat.
      Meine Antwort auf deine Frage scheint von Gänseblümchen-Art zu sein. Auch wenn die Blüten manchmal wegrasiert werden, gedeihen immer wieder neue…
      Mit einem herzlichen Abendgruß 🐻

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    1. Ja, deine Sicht schien auch im „Psalm-Dialog“ durch. Und auf meine Weise versuche ich das sogar zu leben. Der Text im Beitrag (den ich wohl wirklich besser nicht geschrieben hätte) möchte die Entfremdung vom früheren Erfahren, vom früheren eigenen Zentrum aufzeigen, die für mich nicht gerade belanglos ist.
      Herzlichen Dank, und liebe Grüße an dich!

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  5. Mein Glaube ist ein Kinderglaube –
    nur dass ich mir niemanden persönlich vorstelle.
    Einfach halten hilft.
    Mir.

    Vertrauendes sich-einlassen.
    Kontrafaktische Notwendigkeit.
    Genau so.
    Danke, Michael 🙂

    2007 habe ich mich taufen lassen. Bewusst und entschieden für die evangelische Kirche, der ich noch heute angehöre. Trotz aller Fehler, die gemacht wurden/werden. Die werden immer gemacht, wo Menschen gemeinsam etwas schaffen wollen. Mit den Katholen konnte ich nie etwas anfangen, weil ich nicht an die Unfehlbarkeit eines Menschen glauben kann und erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit für widernatürlich halte.

    Über allem steht Vertrauen, die tägliche Übung.
    Sei herzlich gegrüßt, Stefan!
    Und – tolle Musik.

    @Gewaltdarstellung – da müssten auch etliche Kirchen abgerissen werden, oder zumindest mal satt überstrichen…

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    1. Eine gute Haltung, zweifellos!
      (Unfehlbarkeit und Zölibat bilden ja nicht den Kern des Katholizismus. Aber das ist ein weites Feld…)
      Zur Gewaltdarstellung: Es ist mir tatsächlich schon passiert, dass ein Video von mir wegen „anstößiger Gewaltdarstellung“ seitens YouTube für unter 18-Jährige gesperrt wurde. Es war ein Foto aus einem deutschen Schlachthaus darin.
      Ganz herzlichen Dank, Reiner, und liebe Grüße an dich!

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  6. Lieber Stefan,

    die Dramaturgie der Musik unterstreicht die grausam dargestellten Bilder von Hieronymus Bosch. Die Bilder sind durchzogen von katholischem Glauben, einer Welt, in der man nur ‚sündigen‘ kann.

    Für mich ist Gott nicht vorstellbar, deshalb sollte man das gar nicht erst versuchen. Geist kann man sich nicht vorstellen. Ich bezeichne ihn mit seinem Namen „Ich bin da“, so wie es im AT geschrieben steht. Sein Name bedeutet für mich, er ist überall, in allem was ist. Gott ist geistige Kraft, kein Mann mit langem Bart, wie ich ihn mir als Kind vorstellte. Ich bin nicht kirchengläubig und lehne das Brimborium der Kirchen ab. Kirche ist ein Weg zur Wahrheit.

    Gerne hätte ich Deinen alten Blog gelesen! Man entwickelt sich weiter auf seinem Weg. Ich weiß, alles was gegen Gott geschieht, ist trotzdem für Gott. ER macht sich bemerkbar!

    Danke für Deine Musik. Ich mag Orgel sehr gerne. Liebe Grüße, Gisela

    P.S.: Ich schreibe immer von Seele zu Seele. Dadurch ist ein Du unumgänglich.

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    1. Liebe Gisela,

      deine Gottessicht kommt der mystischen Sicht sehr nahe. Unsere „geistige Verwandtschaft“ in so einigen Punkten ist mir in deinen Texten bereits aufgefallen.

      Wenn ich an meinen alten Blog zurückdenke, dann habe ich mich selbst in den letzten Jahren nicht weiterentwickelt hinsichtlich dieser Thematik. Das hängt mit einem Geschehen zusammen, das ich zuließ. Ich werde versuchen müssen, mich wieder auf den Weg zu machen.

      Die grausamen Bilder im Triptychon stehen für einen inneren Zustand. Bosch betätigt sich hier aber auch als Kritiker und Satiriker. Eigentlich recht ähnlich wie mein Orgelvideo.

      Von Herzen meinen Dank für deine Worte!

      Ganz liebe Grüße an dich!

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  7. Ein gewaltiges Stück! Der Tango ecclesia (was für ein Titel!) erklingt mit aller Wucht. Er erinnert mich auch an das Kreisen des Clowns. Wunderbar und ganz anders der „Vogelgesang“ , der bis zum Ende bleibt. Ich suche mal dein Stück, das ebenfalls mit einem Voigelgesang verhallt. Respekt und Liebe Grüße, Petra

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