Die skalierte Hoffnung

Das Thema ließ mich noch nicht los. Doch diesmal auf eine Art, die in ihrer Gegenteiligkeit nicht geeignet ist zur Teilnahme an dem wunderbaren Gemeinschaftsprojekt „Zündstoff Hoffnung“ von Petra Pawlofsky. Die Perspektive dieses Beitrags gehört jedoch auch zu der vorangegangenen im Beitrag „Aus der Ferne erscheint Hoffnung als Bewegung“, daher mute ich dieses meinen Lesern zu.

Edit:
Petra Pawlofsky hat mich gebeten, meine Musik doch dem Gemeinschaftsprojekt zu widmen.
Das will ich gerne tun. Danke, Petra!

Wieder war es beim Spaziergang mit meinem Hund, doch diesmal am Abend, im Dunkeln bei Sturm und Regen. Das Thema Hoffnung beschäftigte mich weiterhin, doch nicht in einem positiven Sinne. Die unaufhörlich kreisenden Gedanken, die ich mir machte, und die Gefühle und Stimmungen, die sie auslösten, manifestierten sich innerlich musikalisch in einem ostinaten Motiv, in der Tiefe gespielt von Kontrabässen. Bis zum Ende des Spaziergangs waren die Idee konzipiert und in meinem Kopf die ersten Takte fertig komponiert und orchestriert.

Wie die Thematik, so knüpft auch die Musik an die vorangegangene an („Espérer de loin„), indem sie deren 5er-Rhythmik/-metrik aufgreift. Zweimal versucht sich die Hoffnung durchzusetzen; einmal kaum erkennbar, zaghaft, ein zweites Mal mit Anstrengung und Macht, doch wiederum weder ganz klar, noch mit Erfolg.

Randbemerkung: Michael hatte einen wunderbaren Kommentar zum vorangegangenen Beitrag geschrieben. Die Perspektive darin hatte ich bei „Espérer de loin“ nicht bewusst betrachtet, aber er hat sie richtig erkannt. Gerda hatte einen anderen Gedanken eingeworfen. Was den Inhalt in diesem heutigen zweiten Beitrag zum Thema Hoffnung betrifft, waren es vor allem diese beiden Kommentare, die in mir arbeiteten. Und weil mir diese Sprache mehr liegt, äußere ich mich in Musik.

Bild im Video: Caspar David Friedrich, „Das Eismeer“ (1823/1824). Dieses Bild wird bis heute zumeist mit dem Titel „Die gescheiterte Hoffnung“ bezeichnet – obwohl der eigentliche Titel seit 1965 bekannt ist -, da es allgemeinhin als eine Darstellung des endgültigen Scheiterns angesehen wird.

12 Gedanken zu „Die skalierte Hoffnung

  1. Mit dem Beginn hast du mich eben richtig erschreckt: „Huch! Woher weiß er DAS denn …?!“ 😉
    Obwohl ich auch gerade einen eigenen Beitrag mit „Hoffnungsvoll“ überschrieben habe, finde ich eigentlich, dass Hoffnung ein eher schwieriges Wort ist. Was du mit diesem Stück m.E. auch sehr gut deutlich machst: Irgendwie hat „Hoffnung“ etwas Gegenteiliges von „Vertrauen“. Hoffnung ist immer mit einem gewissen Zweifel verbunden. Vertrauen hingegen kennt genau diesen Zweifel nicht. Vertrauen, Ur-Vertrauen, Gottvertrauen sind schon seit vielen Jahren „meine“ Themen. Und ich merke, dass diese Themen in dieser Zeit einen großen Schub bekommen (nicht nur für mich). In die ein oder andere Richtung … .
    Herzliche Grüße an dich! 💕

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    1. Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Oder doch? 😂
      Deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich würde ergänzen, dass Hoffnung (auch) scheitern kann mit dem Verlust von Vertrauen (vor allem Ur- oder Grundvertrauen).
      Vielen Dank für deine Gedanken und liebe Grüße an dich!

      Gefällt 1 Person

  2. Das Vorspiel fasse ich jetzt einfach mal als Erinnerung daran auf, dass die Fauna (!) doch immer irgendwie das Potenzial hat, die Hoffnung im Menschen lebendig zu erhalten. 😉
    Deine heutige Musik lässt mich aber eher an die Flora denken, und zwar an jene Pflanzensamen, die erst nach einer Phase widriger Bedingungen keimen. Ein Klassiker sind etwa die sogenannten Frostkeimer. Und es gibt sogar welche, die erst durch einen Waldbrand das Startsignal zum keimenden Aufbruch erhalten.
    Hier erinnern die widrigen Umstände stark an die von Menschen geprägte Welt. Ein zwanghafter Wille zum Fortschritt, der letztlich doch nur ein Treten an Ort ist (trotz des wiederholten „Aufstiegs“) und schließlich eskaliert und in ein Desaster mündet. Da müssen fast zwangsläufig auch die falschen Hoffnungen scheitern. Das ist der Moment, in dem der Boden bereit ist für die Keimlinge, die geduldig auf diesen Punkt des nichts-geht-mehr gewartet haben. Werden sie gedeihen?
    Mit klangvollen Grüßen 🐻

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    1. Ohne Bedeutung ist das Vorspiel tatsächlich nicht, auch wenn es ein Schmunzeln auslösen sollte. „Faun, das Blendwerk weicht vom Augenpaar, das einem Quell in Tränen gleicht…“ Ein Zitat aus Mallarmés Dichtung „Der Nachmittag eines Fauns“, zu dem Debussy sein Prélude komponierte. Zwei persönliche Bedeutungen im Hinblick auf „Hoffnung“, und prompt wird das Prélude zu einer „falschen Musik“.
      Deine Deutung ist wohltuend, und verleihen selbst der gescheiterten Hoffnung (es scheitern nicht nur falsche Hoffnungen) ein wenig Licht. Meinen Dank, lieber Random, und liebe Grüße an dich!

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  3. Es ist die Ambivalenz, die all den großen Gedanken, den großen Gefühlen, den großen Wahrheiten unser Humanum einschreibt.
    Der Banalität des Verifizierten und Falsifizierten schreibt sie das Rätsel ein und uns erwächst der Glaube.
    Der Kausalität aus Wert und Schätzung schreibt sie das Unbedingte ein und uns erwächst die Liebe.
    Der Fatalität aus Scheitern und Erfolg schreibt sie das Unbekannte ein und uns erwächst die Hoffnung.
    Dem Nexus aus Frage und Antwort schreibt sie das Offene ein und uns erwächst die Musik…
    LG Michael

    Gefällt 2 Personen

    1. Du lässt mich wieder einmal sprachlos werden, lieber Michael. Du schreibst mal eben so einen Kommentar dahin, und er wird zu Poesie, Philosophie, einem freundschaftlichen Schubser, Weisheit, Deutung, Erkenntnis, … In deinen Worten steckt so viel, was zu dieser Musik führte. Allein beim Erwachsen der Hoffnung drücken die Eisschollen doch arg auf die Ausdauer. Wild war die Hoffnung. Zerborsten das Schiff, gerettet das Leben.
      Vielen lieben Dank für deine Worte und dein Verstehen,
      und liebe Grüße an dich!

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  4. Jaha, das gefällt mir. Die Hoffnung ist zwar hörbar, aber auch gepaart oder besser gekontert mit Verzweiflung… Das Ende ist eindeutig. Irgendwie hast Du dich verändert, würde ich vermuten. Hättest Du früher nicht noch ein bisschen Zuckerguss drüber geträufelt? Naja, vielleicht hör‘ ich deine Musik inzwischen auch anders.
    LG Franz

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