Die vergessenen Ziele

Nicht wichtig, und nur, falls jemand Interesse haben sollte…

Noch heute nehme ich die Musik zu einem Film genauso wahr wie den Film selbst, nerve manchmal Mitzuschauer, wenn mir kleine Ironien oder versteckte musikalische Späßchen in der Filmmusik auffallen, die üblicherweise sonst der Zuschauer nicht wahrnimmt. So manchen guten Film habe ich mir wohl nicht angesehen, weil die Musik miserabel war, und so manchen schlechten Film vielleicht zu Ende gesehen, weil die Musik so gut war. Begeistert bin ich, wenn sich beides auf hohem Niveau verbindet.

Als ich als junger Mann noch das Ziel verfolgte, beruflich zu komponieren, war ein favorisiertes Ziel, Filmmusikkomponist zu werden. Die Verbindung von Bild und Musik fesselte mich schon immer. Irgendwie manifestieren sich in diesem Jahr nun meine fast vergessenen musikalischen Ziele von damals in neuer Form, und ich komme mir manchmal vor, als würde ich mich (musikalisch) ausprobieren wie ein Mittzwanziger.

Damals gab es nicht die technischen Möglichkeiten wie heute, bzw. sie waren anders und kaum bezahlbar, so dass ich mich allenfalls darin versuchte, am Keyboard eine passende Musik zu einem Urlaubsvideo auf einer VHS-Kassette hinzubekommen. Heute freue ich mich, allein aus Freude mit einem PC und kostenloser Software das auf einem technischen Niveau nachholen zu können, welches damals nicht mal für viele professionelle Fernsehproduktionen denkbar gewesen wäre. Auch, wenn das klangliche Ergebnis nicht so ist, wie mit einer guten gekauften Software (die meisten Filmmusiken werden heute mit solcher Software gemacht, und es lässt sich nur selten von einem echten Orchester unterscheiden).

Mein erster Versuch war im März diesen Jahres „Ocean„. Darin habe ich den jeweiligen Filmsequenzen entsprechend einzelne musikalische Sequenzen mit Pausen dazwischen zugeordnet, da auch Text gesprochen wird und die Musik sich entsprechend im Hintergrund halten sollte. Das war relativ einfach. Sind die jeweiligen Takte Musik erstmal fertig, lassen sich die Tondateien in der Videosoftware entprechend auf den Spuren platzieren.

In meiner zweiten Filmmusik „Peccatum Angelicum“ habe ich ein durchgehendes Orchesterstück verwendet, es sind aber nur eine Einleitung und zwei Charaktere dem Film zugeordnet. Hier gibt es ja eine besondere Entstehungsgeschichte, und die zeitliche Übereinstimmung der Wechsel mit den Filmteilen war insofern eine Fügung.

Nun reizte es mich, eine dritte Art zu versuchen: Ein durchgehendes Orchesterstück, in dem die einzelnen Filmsequenzen gezielt musikalisch angesprochen werden. Das war die schwierigste Variante und eine Menge Arbeit an meinen kurzen Feierabenden, da es zum Film synchron sein sollte, dabei aber einzelne melodische Phrasen u.a. nicht hirnlos zerrissen werden durften. Anfangs hatte ich die musikalischen Wechsel sogar punktgenau auf die Bildschnitte komponiert, aber es zeigte sich, dass die Wirkung zu abrupt war, und geringfügige Überlappungen von etwa einer halben Sekunde die Sache runder machten und eine verbindende Wirkung hatten.

Der verwendete Film „Volcano“, den ich wiederum bei The Cue Tube entdeckte, gliedert sich in zwei Teile, eingeleitet und verknüpft durch eine Rauchschwaden-Szene. Charakterlich unterscheidet sich der zweite Filmteil vom ersten, endet aber leider mit einer Sequenz, die eher dem Charakter des ersten Teils entspricht, so dass ich mit dem filmischen (und meinem musikalischen) Schluss im Hinblick auf die Dramaturgie nicht zufrieden bin. Musikalisch erfolgen Einleitung und Verknüpfung dem Film entsprechend in Art einer „Rakete“ (so nennt man bisweilen solch aufrauschende musikalische Anfänge); der zweite Charakter wird durch gleiches/ähnliches Material (Tonarten, Skalen, Orchestrierung, Motivik) mit dem ersten verbunden, um insgesamt keinen Bruch entstehen zu lassen. Ganz am Ende ertönt versteckt eine kurze Reminiszens an die Rauchschwaden-Szene.

Das Ganze ist also nur eine Kompositionsübung, und wenn sich jemand das anhören sollte (dann bitte mindestens Kopfhörer verwenden), bitte ich um Nachsicht.

26 Gedanken zu „Die vergessenen Ziele

  1. Hallo Stefan
    Dein Stück passt gut zum Video, wobei die Dramatik einen ticken vor dem Rauch erklingt.
    Was wären Filme ohne Musik?
    Ich bin eher auditiv veranlagt und manche Filme sind durch die Wahl der Musik zu extrem für mich. Sie puschen noch die Dramatik und das Adrenalin verursacht Stress. Als Hochsensible bin ich bei Büchern und Filmen stets mittendrin statt nur dabei und so geht bei mir nicht alles. Lach…
    Manches Mal muss ich aber auch laut lachen wenn ich vor allen anderen etwas wahrnehme. Da gab es schon komische Blicke im Kino, 🙈 bis der Rest es auch kapierte.
    Mit mir Filme zu schauen ist also nicht langweilig. 😂😂😂
    Liebe Abendgrüße zu dir 🌠

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    1. Hallo Nati,
      vielen Dank!
      So erlebt es jeder anders. Aber was wäre Hitchcocks Duschszene in Psycho ohne die“stechenden“ Violinen? Den Film konnte ich mir allerdings nur einmal ansehen. Mit deiner Eigenheit ginge es vielleicht noch ein zweites Mal 😂
      Vielen Dank und liebe Grüße an dich! 💫

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      1. Aber wenn dann erst ohne, weil man sonst die Melodie im Kopf hätte. Ich zumindest.
        Ich kann auch kein Buch lesen wo ich bereits den Film dazu gesehen habe. Mein Kopf hat dann schon zu viele Bilder gespeichert und die Fantasie könnte sich nicht entfalten. Anders herum, erst das Buch dann den Film, ist schon spannender. Wobei ich bisher jedes Mal enttäuscht war. Da der Film oft vom Buch abweicht. Seufz….😉

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  2. Lieber Stefan, das ist wirklich eine auf den Punkt gebrachte Symbiose von Film und Musik. Gefällt mir ausgesprochen gut. Sicher siehst Du Dir zuerst den Film an, bevor Du ihn mit Musik unterlegst. Die Komposition „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgsky entstand nach einfachen Skizzen. Ich mag diese 10 Musik-Bilder sehr. Komponierst Du auch ohne Bildvorlagen? LG Gisela

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    1. Vielen Dank, liebe Gisela.
      Ja, ich sehe mir den Film zuerst an, höre in mich, welche Stimmung er in mir erzeugt und versuche dann Aufbau und Dramaturgie zu analysieren.
      Die „Bilder einer Ausstellung“ mag ich auch sehr, vor allem in Ravels kongenialer Orchestrierung.
      Die Filmmusiken sind bei mir eher eine Ausnahme. Ich komponiere weit überwiegend ohne Bilder und Filme.
      Liebe Grüße an dich!

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  3. „I have just seen our picture – BREAKFAST AT TIFFANY´ S – this time with your score. A movie without music is a little bit like an aeroplane without fuel. However beautifully the job is done, we are still on the ground and in a world of reality. Your music has lifted us all up and sent us soaring. Everything we cannot say with words or show with action you have expressed for us.“ So schrieb Audrey Hepburn an Henry Mancini.
    Recht hat sie!
    LG Michael

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  4. Mein Empfinden ist regelmäßig, dass mich jegliche Musik in einem Film stört. Wenn der Zuschauer die Musik vermeintlich nötig hat, um die Handlung besser zu verstehen, könnte man es für eine Frechheit halten, den Filmegucker für so dämlich zu halten, dass er zur Unterstützung die Musik nötig hat. Oder es ist ein Eingeständnis, dass der Filmemacher seinem Werk selber nicht traut und die Musik zuhilfe bittet. Schließlich hat die Wirklichkeit hat auch keine musikalische Begleitung. Ich stelle mir gerade vor, dass dem Steuerbescheid eine spezielle Musik auf einem USB-Stick beigeordnet ist. Sobald die pdf-Datei geöffnet wird, plärrt das Ding auch schon los. Wo ist meine Axt?
    Ein guter Film bräuchte von mir aus keine Musik. Anders gesagt: Ein Film, der Musik nötig hat, kann nicht sog. oder gut sein – was immer das im einzelnen sein mag.

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      1. Was ist das, ein Scorevideo? (Mein Gott, was es nicht alles gibt!) Ich habe nur die Partitur mit dem wandernden Zeiger gesehen. Also ein Video war hier nicht zu sehen. Ich gehe davon aus, dass das Zeigerwandern nicht als Video gemeint ist. Vielleicht wird das auf dem Handy nicht angezeigt.

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      2. Dann bezieht sich dieser mein Text natürlich nicht auf das Vulkan-Video, sondern eben auf jene Gewaltklänge mit Partitur. Ist offenbar ein anderer Beitrag. Ich kann mit dem Handy nicht einfach springen, sondern muss über die „Benachrichtigungen“ gehen und den entsprechenden Komm. aufsuchen und mich daraus zum dazugehörigen Beitrag hangeln. Das geht sehr rasch durcheinander. … Oh, oh … 🤔😏

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  5. Ich habe oben noch einmal nachgeschaut. Komisch, jetzt ist hier ein Vulkan-Video mit sehr schöner Musik. Das ist richtig harmonisch zu der Ästhetik der Bilder. Allerdings vetschwrigt die Musik die krude Gefährdung des Menschen und seiner Werke, die von einem Vulkan meist ausgehen.

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