Die vergessene Musik

„Nett ist wie Rosa in der Kunst“, sagt manchmal eine Kollegin von mir, eine Architektin, wenn es um Gefallensbekundungen zu eklektizistischer Architektur geht.

Übertragen gilt das natürlich für alle Bereiche künstlerischen Schaffens. Ein befreundeter kuweitischer Komponist, Abdulaziz Shabakouh, machte sich in letzter Zeit oft Gedanken darum, dass manche Musik zu wenig Beachtung findet. Das erinnerte mich daran, dass auch für mich das oft ein Thema war1. Es gibt so viel großartige Musik, die kaum gespielt, noch weniger gehört, und oft schon fast gänzlich vergessen ist. Musik aus allen Bereichen und Epochen.

Nur wenige kümmern sich darum, dem entgegen zu wirken. So wie mein ehemaliger Klavierlehrer Peter Froundjian, der die international beachtete Konzertreihe „Raritäten der Klaviermusik“ ins Leben rief, in dem vergessene und kaum beachtete Klavierwerke aufgeführt werden. Doch auch hier sind es wohl oft mehr nur die Namen berühmter Pianisten, die das Publikum locken, und weniger die Neugier auf vergessene Musik.

Denn im Großen und Ganzen ist es wie bei allem: Es gibt einen überwiegend seichten Mainstream2 auf der einen Seite, und auf der anderen Seite gehaltvolle Schätze, die irgendwann den Kulturarchäologen aufzufinden überlassen bleibt.

Doch diesmal soll dies kein konjunktivistischer Beitrag um ein „müsste, könnte und sollte doch“ werden – auch dieser Beitrag ist nur eine Marginalie. Ich finde es nur schade. In allen Bereichen. Von der Architektur, über Kunst, Literatur und Film bis zur Musik.

___________________________________

1Dabei geht es nicht um meine eigene Musik. Ich bin nur ein mittelmäßiger Amateur, und meine professionellen Ambitionen habe ich bereits als junger Mann in die Altkleidersammlung gegeben.

2 Bitte nicht missverstehen: Auch der hat seine Berechtigung, und ich selbst genieße ihn auch gelegentlich.

50 Gedanken zu „Die vergessene Musik

    1. Vielen Dank, liebe Lotte! Ich bin beruhigt, dass du das Rosa bemerkt hast (vielleicht liest du dazu nachher noch meine Antwort zu Michael) und freue mich, dass es dir dennoch gefällt. 😊

      (Deine Art zu kommentieren finde ich übrigens total klasse 👍)

      Liebe Grüße an dich!

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  1. Hallo Stefan
    Ein schönes Stück ist dir da gelungen.
    Voller Harmonie und zarter Klarheit.
    Welche Gedanken stehen hinter diesem Stück?
    Ich werde es mir nachher noch ein paar Mal anhören.
    Jetzt erst einmal….🌱😉
    Liebe Grüße zu dir
    Nati

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      1. Guten Morgen Stefan.
        Den Satz im Anhang habe ich ehrlich gesagt nicht gelesen, weil ich mich nur auf das Hören konzentriert habe.
        Die Farbe erinnerte mich direkt an das Memorie Spiel, dort ist oder Hirschkäfer mit dieser Farbe unterlegt.
        Schade dass du es nur ironisch meinst, mir gefällt es trotzdem sehr.
        Liebe Grüße zu dir.
        Nati
        P.S. Irgendwie macht es mich gerade traurig…..
        aber egal.

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      2. Du bezeichnest es als nichts Dolles, stellst dein Talent unters Licht, das finde ich schade Stefan. Ich finde es gut dass du es dennoch aufgelöst hast, ehrlich warst und uns nicht im falschen Glauben, wie dir empfohlen wurde, gelassen hast. Traurig – ich dachte es würde deine Seele wieder spiegeln. Dass es dir besser ginge.
        So würde es zumindest das Stück wieder spiegeln.
        Ich könnte nichts fröhliches bringen wenn mir nicht danach ist.

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      3. Nun verstehe ich, was du meinst.
        Wie Michael gegenüber schon angedeutet: Vielleicht habe ich ein teilweise falsches Bild von mir selbst. Ich mag solche Stücke anderer Komponisten ja auch. Vielleicht steckt da ein Stück Sehnsucht drin…

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      4. Vielleicht glaubst du zu wenig an dich selbst, vielleicht bist du auch einfach nicht mutig genug. Ich weiß es nicht. Aber das was ich bisher von dir gehört habe finde ich mehr als schön.

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    1. Vielen Dank lieber Michael!
      Ich habe mich auf breiter Front selbst in die Klemme manövriert… Die Marginalie 9 habe ich bewusst kitschig geschrieben, eine nicht unübliche Jazz-Harmonie-Kadenz (ein Kommilitone nannte das damals im Studium „Pfefferminzakkorde“), ’ne kleine Melodie dazu, und streicherlastig instrumentiert. Dazu ein rosa Hintergrund im Videotitel, und der Spruch im Abspann… Ich hielt es für überdeutlich und dachte, man würde über meine Selbstironie schmunzeln. Nun erfahre ich (bisher ausschließlich) Lob für das Stück, nicht für die Ironie. Ich kann aber nicht daran vorbei zu sagen, dass ich hier nix Dolles gemacht habe. Dass ich das offen äußere, kann leicht zu dem Eindruck führen, ich hätte leimen wollen (dann hätte ich aber schon nicht rosa gewählt und den Spruch am Ende). Daher bitte ich dich und alle hiermit um Entschuldigung, wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte!!!
      Nach den ersten Kommentaren hier und anderswo sprach ich mit jemandem über mein Dilemma, und mir wurde gesagt, ich solle es nicht klarstellen; wenn es den Leuten gefällt, ist doch gut. Aber das kann ich nicht. Ich habe hier irgendwie Mist gebaut, denke ich, und will das nicht verstecken.
      (Wenn ich das nun umdrehe, könnte ich mir mal Gedanken machen, ob ich nicht einen falschen Begriff von Kitsch habe, wenn mir das so schlecht gelungen ist (ich mag das Stück nämlich auch, und höre auch gerne ähnliche Stücke von anderen). Aber das ist ein anderes Thema…).
      Eigentlich freue ich mich, dass das Stück gefällt. 😊
      Vielen Dank, und liebe Grüße!
      Stefan

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      1. Ich erlebe ja immer wieder einmal, dass Menschen Mist bauen. (Ist der Mensch nicht ein zoon mistbau?) Fast alle bieten danach ihre ganze Eloquenz auf, um darzulegen, dass und warum es eigentlich doch kein Mist war.
        Bei Dir ist das genau umgekehrt: Egal was Dir gelingt, Du bietest all Deine Eloquenz auf, um darzulegen, dass und warum es eigentlich Mist ist.
        Ich sehe es so: Selbst wenn Du musikalische Versatzstücke und Banalitäten einsetzt, unter Deinen Händen gerät es zu etwas Einzigartigem.
        Ich vermute, dass Du nicht in der Lage bist, Kitsch zu produzieren. Kitsch zeichnet sich durch seine Eindeutigkeit aus, durch das Fehlen jeder Ambivalenz: dazu bist Du zu vielschichtig.
        Ich hätte noch eine Idee:
        Bitte nicht mich um Emtschuldigung (wofür?), sondern Dich selbst, dafür, dass Du Dich hier so heruntergeputzt hast!
        LG Michael

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  2. Lieber Stefan,
    Joseph Beuys wurde einst „Meisterschüler“ genannt. Für mich war er ein Meister des Mülls. Man bezeichnete ihn als Künstler und das, was er ‚inszenierte‘, war gewiss nicht „rosa“. Er wollte nicht ‚gut‘ malen und der Masse gefallen. Er wollte provozieren und hat sein Kriegstrauma verarbeitet. Außerdem suchten die Menschen das Ungewöhnliche in der Kunst. Und das hat er ihnen geboten.
    Möchtest Du Ungewöhnliches komponieren? Etwas, was man sich anhört und gleich wieder vergisst?

    Um es klar zu sagen: Deine wunderbaren Klänge, die Du hier als „vergessen“ bezeichnet hast, hinterlassen Spuren von Bildern, sie berühren. Sie sind pure Harmonie, die ich mir immer wieder anhören möchte. Sie tun einfach nur gut. Danke! (Rosa ist übrigens nicht so mein Ding)

    Liebe Grüße, Gisela

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    1. Liebe Gisela,

      vielen Dank zunächst einmal! Ich freue mich, dass es dir gefällt!

      Nun weiß ich nicht, ob ich dich im Übrigen richtig verstehe… In dem Beitrag geht es ja nicht um meine Musik, sondern um gute Musik Anderer, die so wenig wahrgenommen wird. (Nebenbei: In dieser Hinsicht ist das www und Social Media genial, ein fantastisches Archiv. Über andere Musiker bei Facebook, oder wenn ich abends auf dem Sofa bei YouTube stöbere, entdecke ich so viele Schätze!).

      Was meine Musik anbelangt, ist es nicht mein Ziel, Ungewöhnliches zu komponieren. Als ich jung war und das als berufliches Ziel anstrebte, da wollte ich das Besondere schaffen und suchte danach; ich folgte der Ideologie, die vor allem damals noch vom Anspruch der Avantgarde der 1950er bis 1980er geprägt war und sich in das Musikschaffen allgemein auswirkte: der hehre Anspruch hoher, in die Zukunft zu entwickelnder Kunst. Da war meine Musik bis auf wenige Ausnahmen schlecht (auch wenn einige das anders sahen). Als ich nach einer 20-jährigen Pause, vor ca. 8 Monaten erst, das Komponieren wieder begann, war ich befreit. Ich muss keine hohe Kunst machen, muss damit kein Geld verdienen, ich muss niemandem gefallen, muss keiner Ideologie folgen (und in der Kompositionsszene hat sich in dieser Zeit auch viel Richtung Freiheit verändert). Meine Musik ist nun besser, keine hohe Kunst, und den Anspruch habe ich ja auch nicht (nur bei meinem Psalm sehe ich das anders). Ich habe einfach den Drang zu komponieren („meine Muttersprache zu sprechen“) und folge dem. Meine Musik darf getrost vergessen werden, aber es wäre schade, wenn die vielen Schätze anderer Komponisten vergessen würden, und es ist schade, dass sie überhaupt so wenig wahrgenommen werden.

      Auch wollte ich mit der Marginalie 9 nicht provozieren; es war einfach schmunzelnd ironisch gemeint.

      Aber wie gesagt, vielleicht verstehe ich deine Worte nicht richtig.

      Liebe Grüße an dich!

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      1. Es ist gut, wenn Dein Geist für die Musik frei sein kann. Du musst nicht dem allgemeinen Musikgeschmack entsprechen. Ja, es ist schade, wenn so viele gute Musikstücke verlorengehen müssen, weil dieses Erbe nicht gepflegt wird.
        Da geht es den Komponisten wo wie mir. Wenn ich sterbe, stirbt auch meine Poesie. Da ist niemand, der sich um den Erhalt kümmern wird.
        Ich wusste nicht, dass Du 20 Jahre lang pausiert hast. Kunst macht glücklich!

        Liebe Grüße, Gisela

        Gefällt 2 Personen

  3. Vergessene Musik, vergessene Kunstwerke allgemein, ja, das ist ein grosses Thema. Nur wenige sind bereit und motiviert, solche Schätze wieder ans Licht zu bringen, sofern das überhaupt möglich ist. Getan wird es meist nur dann, wenn die „Wiederentdecker“ sich eine Chance auf einen grösseren „Kundenkreis“ ausrechnen.

    Bei: „Es gibt einen überwiegend seichten Mainstream auf der einen Seite, und auf der anderen Seite gehaltvolle Schätze“ gehe ich jedoch nicht mit. Du relativierst diesen Satz selbst. Im Prinzip stimmt er zwar irgendwie, aber nur so irgendwie ein kleines bisschen. Ist er nicht primär ein Klischee zwecks Abgrenzung? Er taugt nicht zur Grenzziehung zwischen Kunst und Müll. Wir wissen ja, dass man Müll als Provokation vors Publikum kippen kann und die Kritiker überschlagen sich mit Zustimmung. Folglich ist es dann kein Müll mehr, sondern Kunst. Kunst liegt m.E. völlig im Auge und Ohr des Rezipienten. Dem einen sagt ein Werk etwas, dem andern nicht. Es gibt auch einige Werke „ernster Musik“ die mich langweilen. Manchmal kommt mir dann er Verdacht, dem Komponist sei nichts mehr eingefallen und er wiederholt sich bis zum Abwinken. Vielleicht weil’s ein Auftragswerk war, das einfach noch fertig werden musste.

    Es gibt auch kaum objektiv taugliche Kriterien für die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Kunst. Natürlich kann man hören, ob z.B. ein Sänger falsch singt oder nicht. Technische Defizite in der Kunst kann man teilweise dingfest machen, das wäre ein objektiver Ansatz, aber ein dürrer, der mir nicht genügen würde.

    Doch ebenso gibt es im seichten Mainstream Werke, die auf viele Menschen einen nachhaltigen und positiven Einfluss erreichen.
    Nicht der „kommerzielle“ Erfolg sollte entscheidend für meine Bewertung sein. Nur meine eigne Resonanz kann es sein. Und so ist’s für jeden eigen.

    Liebe Grüsse, Tom

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    1. Vielen Dank für deine Anmerkungen, lieber Tom!

      Aber um unsere Tradition nicht einschlafen zu lassen, widerspreche ich schon wieder 😂

      Wenn ich nur mal so die Radiosender durchzappe, habe ich da einen anderen Eindruck. Natürlich ist meine Unterscheidung nur ein grobes Raster. Es geht es mir dabei auch nicht um die Unterscheidung „Ernste Musik vs. Unterhaltungsmusik“ oder Popmusik vs. Klassik – ich beziehe da alles ein, so wie ich selbst auch alles höre. Zwischen „Kham Lu“ von Hubert von Goisern und der 7. Coverversion von Florian Silbereisens letztem Hit gibt’s da schon Unterschiede, mal überspitzt gesagt. Objektive Kriterien gibt es da auch: Harmonischer Einfallsreichtum, rhythmische Kreativität, usw., aber auch der Stil des Künstlers. Wenn heutzutage 95% aller erfolgreichen Sängerinnen singen wie eine Mischung aus Amy Winehouse und Whitney Houston (ja, Übertreibung), dann würde ich das schon als Mainstream bezeichnen. In der kommerziellen Musikbranche läuft das schon länger so: Es wird beobachtet (manchmal auch ausprobiert), was bei der breiten Masse gut ankommt, und dann wird das gepuscht und ausgeschlachtet und vermarktet ohne Ende – um Qualität geht es dabei nicht. Und da die allermeisten Radiosender heute auch marktorientiert agieren, wird dann auch das mit Vorliebe gespielt. Das ist schon irgendwie Mainstream. Alles andere bleibt dann Kneipenauftritten und Nischenlabels vorbehalten.

      Was den Kunstbegriff anbelangt, stimme ich dir zu: Das ist eine komplexe Diskussion. Dabei muss man erst mal definieren, aus welcher Perspektive man definieren möchte. Juristisch z.B. sieht das ganz anders aus als philosophisch, ökonomisch sieht das ganz anders aus als kulturwissenschaftlich, usw. Das ist allerdings ein Feld, das ich mit meinem Beitrag nicht betreten wollte.

      Ganz liebe Grüße an dich!

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      1. Oh, Widerspruch. Das ist gut, Stefan. Das zwingt mich zur Prüfung meiner Worte.

        Nun, wenn’s um Musik geht, so muss ich dir als Musiker und Komponist unbedingt den Vortritt lassen. Dein Widerspruch klingt sowieso gut. Ich kann ihn somit locker akzeptieren – fast.

        Für deine Ohren, und wahrscheinlich für viele andere auch, stimmt das perfekt, was du schreibst, aber kann das für jeden gelten? Leute, wie mich, die von Musik praktisch nichts verstehen, die aber trotzdem einfach gerne Musik hören? Du wirst dann vielleicht sagen, was du da hörst, hat keinen „harmonischen Einfallsreichtum“, etc. Kann ich damit etwas anfangen? Inwiefern soll das objektiv, also auch für mich gültig sein? Nur bedingt, denn für mich klingt dein Einwand, sorry, ein klein wenig verkopft. Ich höre Musik nur mit dem „Herzen“, nicht mit dem Verstand, wenn du mir diese Metapher erlaubst. Ich spüre „instinktiv“: das ist meine Musik oder eben nicht. Manchmal irre ich mich zwar, wenn sich dieses Gefühl zu früh einstellt und sich ein Stück beim dritten Mal hören als langweilig herausstellt. Doch um das zu vermeiden, hülfen mir auch keine objektiven Kriterien. Wenn Musik Gefühle nicht berührt, dann kann sie noch so gut sein, ich will sie nicht hören. Objektive Qualität mag bis zu einem gewissen Grad eine Grundvoraussetzung für Musik oder allgemein für Kunstwerke sein, aber meine eigne (vielleicht primitive) Resonanz der Musik entscheidet ganz allein (wobei ich mich den Manipulationsversuchen der Musikindustrie nicht wirklich entziehen kann, das ist mir klar). Ja, was man so alles im Radio vorgesetzt bekommt, grenzt öfter mal an eine Zumutung, da gebe ich dir Recht. Musik ist halt auch ein Geschäft, das hast du schon richtig beschrieben.

        LG Tom

        Gefällt 3 Personen

      2. Lieber Tom, da habe ich absolut keinen Einwand. Das ist für mich absolut ok (auch wenn ich selbst da anders gestrickt bin). Es geht doch schon da los, dass du dir hier meine Stücke anhörst, die zwar keine Schätze sind, aber eben auch keine Mainstream-Musik. Mein Beitrag sollte diesmal explizit nicht konjunktivistisch sein. Mein “Schade“ hast du bereits überwunden! Es muss ja gar nicht deine Musik werden.
        Liebe Grüße an dich!

        Gefällt 1 Person

      3. Lieber Stefan, zu deiner Musik in diesem Beitrag habe ich, glaube ich, noch nichts gesagt. Die Marginalie 9 hier kommt ungewohnt gefällig daher, sanft, mit nur kurz etwas Spannung dazwischen. Das ist nicht typisch Kraus (?). Ich höre hier so etwas wie epische Filmmusik, die lange so weiter fliessen könnte und vermute beinahe, du meinst das auch ein Stück weit ironisch. Aufs erste Ohr hat’s mir gefallen, doch wird so etwas auch ein bisschen langweilig. Im Allgemeinen mag ich deine Musik sehr, doch nicht jedes Stück gleich wie das andere.

        Ich kann hier nicht alle andern Kommentare lesen. Sehe aber, dass doch hier und da mit so genannten objektiven Kriterien tapfer in gute und schlechte Kunst unterschieden wird. Als Fotokünstler, wenn ich mich mal frech so bezeichnen darf, kann ich nur sagen, vergesst das! Meine Erfahrung ist absolut konträr. Technisch und kompositorisch gute Fotos versus schlechte – das hat Null Einfluss auf den „Wert“ und die Resonanz eines Werks. „Gut“ ist leider in der Masse nur, was einen „Namen“ hat, was sich auf dem Markt „bewährt“. Ich habe Kunden, die kaufen mir eher banale „expressionistische“ Fotos ab, lassen die fein komponierten, aufwändig arrangierten, technisch aus meiner Sicht wirklich guten Fotos links liegen. Ich finde das völlig okay, sogar spannend.

        Expressionistische Malerei ist nach objektiven Kriterien, die man zehn Jahre vor dem Expressionismus aufgestellt hat, lediglich totaler Müll. Musik: J. Hendrix‘ Gitarrenklänge inklusive Rückkoppelungslärm galten in der Vorhendrixzeit, hätte man sie so schon gehört, als akustischer Müll. Heute sind es „Perlen“ der Rockgeschichte. Alleine solcher Wandel der Kriterien könnte einem schon zweifeln lassen an der Objektivität von Kritik.

        Kunstbewertung bleibt m.M.n. eine je subjektive Geschichte. Alles Bemühen um objektive Kriterien bleibt eher ein Gebalze von „Kunstkritikern“ (Auch wenn ich dann und wann dem einen oder andern Recht gebe: so bleibt das dennoch ziemlich subjektiv). Und ja, das Ergebnis des Massengeschmacks ist dann nicht Demokratie, sondern Output knallharten Kunst-Marktes. Die Frage als Künstler, als Musiker bleibt für mich: erreiche ich mit meiner Arbeit irgendjemand, erzeugt es bei irgendjemandem eine Resonanz? Wenn ja, gut. Sonst hätte ich nur für einen abstrusen Markt „produziert“.

        LG Tom

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      4. Richtig, lieber Tom, die Marginalie 9 ist absichtlich kitschig geschrieben, daher das Rosa und der Spruch im Abspann. Typisch Kraus höre ich selbst bei allen meinen Stücken nicht, aber es scheint so zu sein, auch bei der Marginalie 9. Michael und Nati sagten auch schon so was bei meinen Stücken, glaube ich. Gestern Abend habe ich mit dem kuweitischen Komponisten telefoniert. Er sagte, er könne hören, woher ein Komponist stammt, ob aus Polen oder Frankreich usw., jedoch bei mir könne er nicht hören, dass ich aus Deutschland stamme, aber er höre immer gleich „das ist Stefan“, auch bei der Marginalie 9. Das ist interessant. So wie man bei Hendrix auch immer gleich hört, das ist Hendrix. Und ich vermute, bei deinen Fotos erkennt der Fachmann auch gleich, das ist Franz Müller Rieser (davon verstehe ich zu wenig). Aber es gibt viel Musik, viel Kunst, viel Fotografie, die austauschbar ist (und quantitativ dennoch besser ankommt). Ich mag auch diese vielleicht mal mehr, mal weniger. Aber was ist mir irgendwie lieber? Und da bin ich schon beim Werten. Ist das wirklich rein subjektiv? Ich sage definitiv nein. Aber da sind wir in einer Grundsatzdiskussion (mit Michael begann das ja auch sich zu entwickeln), die in einen Konjunktivismus führt. Lass uns unmittelbar und einfach bleiben. Du schreibst „Ich habe Kunden, die kaufen mir eher banale „expressionistische“ Fotos ab, lassen die fein komponierten, aufwändig arrangierten, technisch aus meiner Sicht wirklich guten Fotos links liegen.“ Ist dir das tief in deinem Innersten wirklich egal? „„Gut“ ist leider in der Masse nur, was einen „Namen“ hat, was sich auf dem Markt „bewährt““ – das ist doch auf Hochdeutsch Mainstream. Man mag sich damit abfinden, dass es so ist, aber wäre es nicht wirklich schade, wenn die wirklich guten Fotos von Franz Müller Rieser gänzlich unbeachtet und irgendwann vergessen wären? Darum geht es in meinem Beitrag.
        Ganz liebe Grüße an dich!

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      5. Ja, d’accord. Ob mir das egal ist? Ja, zu 95%. Denn diese Bilder sind auch von mir. Und ich hatte einen Grund sie so zu machen (Z.B. Aufnahmen mit einem iPod, 5Megapixel Auflösung, vergrössert auf 40x40cm. Das Bildrauschen, normalerweise ein NoGo, gehört dann einfach zur Kunst. Es ist ein bisschen provokativ, aber ich mag es durchaus). Betreffend die 5% Missmut: Bei Bildern, wo mehr Handwerk und Mühe notwendig war, fuchst es mich manchmal ein wenig, wenn sie wenig Beachtung finden… ☺️

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  4. Ich schlage vor, auf Begriffe wie „Mainstream“ oder „breite Masse“ zu verzichten, sind doch beide negativ konnotiert mit „Folgsamkeit“ und „Anspruchslosigkeit“.
    Es gibt außergewöhnliche und gute Restaurants, die Kochkunst in unterschiedlichsten Stilrichtungen bieten, mehr oder weniger bekannt, viele davon Geheimtipps, manche vergessen. Gemeinsam ist ihnen: sie sind nicht jedermanns Sache. Dafür sind sie einzigartig und unverwechselbar.
    Wohin gehe ich aber, wenn ich mit all meinen Freunden essen gehen will?
    Dann gehe ich zu McDonalds! Jeder kennts, jeder mags, es schmeckt überall gleich und ist so wenig charakteristisch, dass es keinem zuwider ist.
    Nun weiß jeder: wer zu McDonalds geht, wird satt. Wer aber genießen will, muss sich „sein“ Restaurant suchen.
    So ist es auch mit der Musik: man muss sich selbst auf die Suche begeben, der Markt bietet keine Orientierung, sondern den kleinsten gemeinsamen Nenner.
    LG Michael

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    1. Für mich ist der Begriff „Mainstream“ passend, und lässt sich ja auch belegen. Der Mainstream hat ja auch seine Berechtigung, wie ich schon in der Fußnote des Beitrags schrieb. Was ich im Beitrag wohl falsch gemacht habe, ist, den „seichten Mainstream“ den „gehaltvollen Schätzen“ gegenüber zu stellen. Besser wäre z.B. zu sagen, dass es schade wäre, wenn der Fokus auf den Mainstream die Schätze vergessen lässt (oder so ähnlich). Das wäre dann etwa so, dass du überall Fastfoodketten findest, aber das nächste gute Restaurant nur mit Mühe in der übernächsten Stadt aufzufinden ist.

      Dass der Markt keine Orientierung bietet, sondern den kleinsten gemeinsamen Nenner, das würde ich so nicht bestätigen. Geschmack wird heutzutage nicht unwesentlich auch „gemacht“, künstlich durch die Branche selbst (s. meine Antwort an Tom), als auch durch den Schwarmeffekt.

      Sorry, lieber Michael, ich scheine heute meine Widerspruchsphase zu durchleben 😂

      Liebe Grüße an dich!

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  5. Der Markt schafft die Bedürfnisse, die er bedient. Der Markt produziert einen Geschmack, der keinem aufstößt und leicht bedient werden kann. Damit wirkt der Markt normierend im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners. Genau deshalb bietet er keine Orientierung, sondern drängt das Naheliegende auf.
    Die Berechtigung marktkonformer Musik liegt darin, dass sie etwas sucht und findet, dem wir uns alle genießend hingeben können, dem alle Grenzen überwindenden Sommerhit: Schwarm mit Charme.
    Wer Musik möchte, mit der er ganz persönliche und tiefe Resonanzachsen teilt, der muss mit Mühe suchen. Wer aber sucht, der findet.
    Die marktorientierte Musik („Mainstream“) verbindet uns in der gemeinsamen Hymne.
    Die mit mir resonierende Musik („Schatz“) bereichert mich.
    Jeder Mensch trägt beides in sich: die Sehnsucht nach der gemeinsamen Hymne eben so, wie die Sehnsucht nach der unteilbaren Innerlichkeit.
    „Gehaltvoll“ und „seicht“ sind als Gegensätze in meinen Augen (unnötig) wertend und gehen (knapp) an der Sache vorbei.
    Geht es nicht viel mehr um die Musik, die uns alle verbindet, und die Musik, in der ein jeder selbst sich findet?
    Ich bin gespannt auf Deinen Widerspruch!
    LG Michael

    P.S. Vorschlag
    Mainstream = marktkonform (für alle gemeinsam)
    Schatz = innerlich (für mich)

    Gefällt 2 Personen

    1. So verstehe ich dich und stimme dir zu! (Wie ich im Beitrag schon schrieb, dass ich das ja auch gelegentlich genieße. Hab in einem Konzert der Kelly Family kräftig mitgesungen, und das ist schön! 😂).

      Mein Widerspruch bleibt beim musikalisch-qualitativen Werten der Musik. Das berührt aber nicht die emotionale (besser: affektive) Qualität, da kann Mainstream u.U. genauso Qualität entfalten (Resonanz schreibst du).

      Das hängt auch mit meiner Beobachtung (Theorie?) zusammen, welche Ebenen durch welche Musik angesprochen werden und was man sucht. Grob gesagt: Rhythmisch dominierte Musik spricht archaische Ebenen an (gemeinschaftsbildend, „äußere Ebene“, die „Hymne“, We will Rock you), komplexere Musik feinste Schattierungen der Seele/Emotionen („innere Ebene“, Verklärte Nacht). (Das ist jetzt sehr vereinfacht). Du deutest das selbst an mit „die uns alle verbindet … in der ein jeder sich selbst findet“.
      „Schatz“ gilt da auch nicht nur für mich. Es gibt viel Musik, die mich nicht berührt, aber die ich dennoch als Schatz ansehe. Es gibt da ja Kriterien.

      Mittlerweile finde ich fast die Frage viel spannender, warum Wertung so viel Gegenwehr erfährt (ist keine neue Erfahrung)….

      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 1 Person

  6. Schreiten wir tapfer weiter zum Werten der Musik!
    Ein Jammer, gäbe es hier keine Kriterien…
    Es gibt gute Musik und es gibt schlechte Musik.
    Es gibt guten Geschmack und es gibt schlechten Geschmack.
    Allgemein: es gibt Gut und Schlecht, Wahr und Lug, Richtig und Falsch.
    Diese Wertungen sind willkommen, es ist eine Lust, wenn die Geister kontrovers aufeinanderplatzen!
    Wertung erfährt Gegenwehr, wenn sie Menschen trifft.
    „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“
    Sagt Kant.
    LG Michael

    Gefällt 1 Person

    1. Na, da sind wir doch beieinander!!
      Sollte ich in diesem Beitrag und der Diskussion Menschen abgewertet haben, so sag es mir bitte offen, damit ich mich entschuldigen kann! Das meine ich ehrlich, denn ich weiß, dass ich gerade zur Zeit viele Fehler mache!
      Danke!
      Liebe Grüße an dich!

      Gefällt 1 Person

      1. Vielen Dank 😊 So erlebe ich dich, und ziehe meinen Hut! ❤️

        Aber habe ich hier Menschen abgewertet, ohne es zu merken? Das wäre mir wichtig zu erfahren, denn das möchte ich auf keinen Fall…

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  7. Für mich persönlich geht es sowohl in der Kunst als auch in der Musik darum, ob ich sie als authentisch, genuin und wahrhaftig empfinde.
    Sie muss mich einfangen, nach mir greifen, mich in der Seele berühren, innere Erregung bewirken, eine Gänsehaut erzeugen.
    Ich liebe z.B. „Almond Tree in Blossom“ von Van Gogh…eine vielfältige Farbsymphonie in ROSA (!), Picassos ROSA (!) Harlekin oder die duftigen ROSA (!) Ballettröcke von Degas.
    Ich liebe z.B. Bluegrass-Musik aus dem tiefen Süden, Underground-Rockbands wie Edgar Broughton Band und Hawkwind, Honest-Jons-Schallplatten und ich liebe deine „Marginalie“.
    Vielleicht ist nichts „modern“ von den Dingen, die ich hier aufgezählt habe, das kann sein.

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    1. Ja, liebe Roswitha, da stimme ich dir zu. Wenn einem in den Künsten etwas gefällt, ist es in der Regel auch „ehrlich“ und berührend. Daneben kann ich aber auch Schätze bewundern, die mich selbst nicht berühren, jedoch deren Kunst ich erkennen und anerkennen kann.
      Was das Rosa in der Kunst betrifft, ist der Spruch natürlich etwas schelmisch. Ich stimme dir da zu, dass Rosa da nicht automatisch gleichbedeutend mit kitschig ist (bei den von dir genannten Bildern allemal, die sind einfach wunderbar).
      Vielen Dank, und liebe Grüße an dich!

      Gefällt mir

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