Das doppelte Wertherparadoxon

Man stelle sich einen Dichter vor, der schlagartig durch eine persönliche Katastrophe schlimmstes seelisches Leiden erfährt. Jeden Tag kämpft er dagegen an, sich das Leben zu nehmen… Ein paar Tage nach der Katastrophe setzt er sich hin, und binnen einer Woche entsteht in dieser seelischen Verfassung die heiterste und lebenslustigste Novelle seines bisherigen Schaffens.

Auch danach schreibt er weiter, Gedichte, Kurzgeschichten, … Doch in diesen drückt er seinen Schmerz aus, verarbeitet er das Geschehene, klagt, und klagt an. Jeder Versuch, in seinem Geschriebenen ein wenig ins Licht zurückzufinden, führt nicht wirklich aus dem Dunkel heraus.

Monate später, nachdem es endlich anfing ihm besser zu gehen, und sich in seinem Schreiben wieder etwas mehr Helligkeit zeigt, stöbert er in den Werken, die er seit der Katastrophe geschaffen hat. So fällt ihm auch jene heitere Novelle wieder in die Hände. Er nimmt das Datum der Fertigstellung wahr als sei es das erste Mal, und erschrickt darüber. Wie war das möglich, dass er so etwas just zu dieser Zeit geschrieben hat? Es erschüttert ihn zutiefst, doch er kann sich seine Erschütterung nicht erklären. Verwirrt beginnen ihm erinnernd Bruchstücke der Gesänge von Selma und aus Emilia Galotti durch den Kopf zu gehen …

***

Nur eine kleine Notiz. Um die Erschütterung des Dichters zu verstehen, habe ich versucht, im Internet etwas zu diesen Paradoxa zu finden. Erfolglos.

***

(Geschrieben binnen einer Woche.)

18 Gedanken zu „Das doppelte Wertherparadoxon

  1. Das ist ein interessanter Gedanke. Nach deiner Anmerkung habe ich darüber nachgedacht, warum dem Dichter danach aber nur noch dunkle Werke gelangen. Es könnte an der Einmischung durch den Kopf liegen, das Sich-Ausdrücken-Wollen; das Lyrische Ich wäre nicht mehr frei.. Vermutlich hast du also Recht und das erste Paradoxon wäre dann geklärt.

    Das zweite Paradoxon bleibt aber ungeklärt… Es geht ihm besser, es ist ein heiteres Stück, … Was erschüttert ihn so sehr?

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    1. Ich denke es erschüttert ihn, weil der Kopf sich jetzt einmischt, zum damaligen Zeitpunkt kam ihm das vielleicht gar nicht ins Bewusstsein, dass es so ein heiteres Stück geworden ist, da wollte sich einfach nur etwas ins Licht schreiben.. 🙂 oder was denkst du?

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      1. Ja, vielleicht wollte sich einfach nur etwas ins Licht schreiben damals. Es war ihm allerdings auch zum damaligen Zeitpunkt bewusst, dass es eine heitere Novelle geworden ist. Deine Anmerkung hilft vielleicht dennoch hier weiter: Vielleicht wird ihm nun die Spaltung bewusst, die der große Schmerz da verursacht hatte (so hat er ja, soweit ich weiß, auch keine Erinnerung an das vier Tage nach der Katastrophe gewesene Weihnachten, totaler Blackout), die innere Aufspaltung des Ichs, die zu so einer Novelle führen konnte. Und diese Bewusstwerdung weckt noch einmal den Schmerz… Könnte sein. Ich weiß es nicht.
        Danke, liebe Ariana 🙂

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  2. Hallo Stefan.
    Vielleicht hatte seine Seele eine kleine Verschnaufpause und er schrieb in der Zeit die heitere Novelle. Solange man noch innere Stärke besitzt, sucht die Seele immer nach dem Licht. Egal wie dunkel sie geworden ist.
    Man kann eine äußere Freude besitzen, egal wie dunkel es in einem aussieht.
    Dazu habe ich irgendwann mal etwas geschrieben, müsste es aber suchen.
    Wenn du magst…
    Liebe Grüße zu dir,
    Nati

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    1. Hallo Nati,
      das wäre eine Möglichkeit, und allgemein stimme ich dir da zu.
      In diesem Fall allerdings ist mir bekannt, dass der Dichter keine Verschnaufpause hatte, keine innere und keine äußere Freude, und auch keine innere Stärke mehr.
      Aber ich würde dennoch gerne gelegentlich lesen, was du geschrieben hast.
      Liebe Grüße an dich! 🙂

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  3. Ein Dichter erfährt ein Trauma, das Leben schlägt ihm eine lebensbedrohliche Wunde. Unmittelbar entwickelt er eine große Angst vor dem Leben, die so unerträglich ist, dass er den Gedanken an Suizid nicht mehr los wird. Das einzige Entkommen ist ihm, sich mit dem Leben zu verbünden. War es denn nicht gut zu ihm? Hat es ihn denn nicht am Leben gelassen? In dieser Verfassung schreibt er ein Liebeslied an das Leben.
    Dann beginnt die Therapie. Die Wirklichkeit kommt in Sicht, Schmerzen werden ausgedrückt, das Leben wird angeklagt. Der Dichter entdeckt seine eigene Stimme, seine eigene Stärke, seine Fähigkeit, dem Leben zu trotzen. So verliert er langsam seine Angst vor dem Leben, ohne sich diesem unterwerfen zu müssen. Es geht ihm langsam besser.
    Dann entdeckt er das Liebeslied an das Leben wieder, er entdeckt wann er es geschrieben hat. Aus seiner jetzigen Warte erkennt er die Dissoziation seines Selbst, die nötig war, so zu schreiben. Er ist schockiert von dem Ausmaß, in dem er sich damals verloren hatte, um sich zu retten. Er erkennt, dass er um Haare Breite davongekommen ist, wie leicht er sich endgültig hätte verlieren können…
    Suche einmal nach dem „Stockholm-Syndrom“, ich sehe Parallelen.
    LG Michael

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    1. Wenn ich dich richtig verstehe (die von dir geschilderte Entwicklung hat ja mit unbewussten Prozessen zu tun), tendierst du in die gleiche Richtung, die wir hier zusammen entwickelt haben (die Aufspaltung, die spätere Bewusstwerdung der Aufspaltung und der Schock darüber). Du bringst es wunderbar klar in eine Ordnung und Entwicklung. So löst sich das Paradoxon wohl. Vielen Dank! 🙂
      Das Stockholm-Syndrom kenne ich aus dem Zusammenhang mit Narzissmus, bin mir aber nicht sicher, welche Parallelen du siehst. Die Verbündung mit dem Leben, das sich damals so grausam zeigte?
      Liebe Grüße an dich!

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